Berlin : Ruinen im Idyll: Mit Investoren ist derzeit nicht zu rechnen

Reinhart Bünger[Hag],Erhardt Hohensteinhagen[Hag]

Einst plasterte übelstes Kopfsteinpflaster den Weg rund um den schilfumstandenen Schwielowsee. Doch nach der Wende wurde hier alles glattgebügelt: Wie auch in Ferch und Werder sorgte der Westen für Asphaltstraßen, autogerechte Ortspassagen, Ampeln, Reklameschilder von Kindl-Bier und Rex-Pils. Doch der Aufschwung dieser Gegend scheint aus touristischer Sicht auf der Strecke geblieben zu sein: Albert Einsteins Sommerhaus in Caputh ("Am Waldrand 3") sieht nur noch schneebedeckt gepflegt aus, die Schlossfassade in Petzow verliert immer größere Teile ihres Putzes und der Potsdamer Kaiserbahnhof steht nur auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes ganz oben. Investoren werden verzweifelt gesucht.

Kaiserbahnhof auf dem Abstellgleis

Die derzeit um den Kaiserbahnhof wachsende Verkleidung soll das Baudenkmal lediglich vor weiterem Verfall schützen und setzt kein Signal für den Beginn der Sanierung. Mit dieser Aussage dämpfte DBImmSprecherin Monika Kohut am Mittwoch auf Anfrage euphorische Berichte aus den letzten Tagen. Die Immobiliengesellschaft der Deutschen Bahn AG stehe der Bewerbung der beiden Potsdamer Gastronomen Andreas Schlausch und Siegbert Nicolaides aufgeschlossen gegenüber, die den 1906 - 1909 von dem Hofarchitekten Ernst Eberhard von Ihne errichteten Kaiserbahnhof als Ausflugsgaststätte betreiben möchten. Die Verhandlungen laufen seit etwa einem Jahr. Das Zweigespann will u.a. im Kaisersaal eine Brasserie (Bierwirtschaft), im Wartesaal des Gefolges ein Speiselokal und in den westlichen Gewölben ein Selbstbedienungsrestaurant mit Biergarten im Freigelände einrichten. Die Bahnhofshalle könnte für größere Veranstaltungen genutzt werden. Nostalgiezüge sollen die Touristen von Bahnhof Zoo heranbringen.

Diese Ideen blieben aber auf dem Papier, wenn nicht ein Investor für die Sanierung und Restaurierung des Bauwerks gefunden würde, erklärte Kohut. Der aber fehle. Die Kosten allein für die Grundsanierung des über Jahrzehnte vernachlässigten, aus Bahnhofshalle und Empfangsgebäude bestehenden Komplexes werden auf 20 Millionen DM geschätzt. Selbst bei einer 35-prozentigen Förderung durch das Land blieben 13 Millionen DM, die die Bahn nicht tragen könne. Durch die Einbeziehung des Kaiserbahnhofs ins Weltkulturerbe befürchtet DBImm verschärfte Auflagen der Denkmalpflege.

Kein Gesamtkonzept

Das Wirtschaftsministerium hatte bereits vor Monaten 2,5 Millionen DM Fördermittel für die Fassadensanierung zugesagt. Die Bahn hat dafür jedoch noch keinen Antrag eingereicht. Das werde man erst tun, wenn ein schlüssiges, finanzierbares Gesamtkonzept für den Kaiserbahnhof vorliege, kommentierte Monika Kohut. Die Deutsche Bahn wisse, dass das Thema Kaiserbahnhof "stark emotional besetzt" sei. Inzwischen hat sich auch Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß eingeschaltet, konnte beim Chef der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, jedoch keine Zusagen erreichen.

Der Dortmunder Architekt und Universitätsprofessor Eckhard Gerber, Vorsitzender des Freundeskreises Kaiserbahnhof Potsdam e.V., begrüßte, dass nunmehr mit der Sicherung des Gebäudes begonnen wurde. Bereits vor Jahresfrist hatte der Verein diese Arbeiten angemahnt und sogar mit Klage gedroht. Gerber bezweifelte auf Anfrage, dass sich für einen privaten Investor die Sanierung des Kaiserbahnhofs rechnet. Eine langfristige Nutzung müsse gesichert werden. Ob sich dort ein Ausflugslokal rentieren würde, sei ungewiss. Nichts wäre schlimmer, als wenn das Vorhaben als "Investruine" stecken bliebe. Gerber favorisiert eine öffentliche Nutzung, die dem Freundeskreis auch ermöglichen würde, Sponsoren zu werben.

Einige Kilometer entfernt nagt der Zahn der Zeit inzwischen deutlich sichtbar an zwei Hotelobjekten, von denen eines noch in Betrieb ist: Das kleine Schloss Petzow bei Werder wartet seit 1991 auf eine Restaurierung. Auflagen der Denkmalpflege, unklare Eigentumsverhältnisse und fehlerhafte Planungen hätten das Projekt immer wieder verzögert, so heißt es. Das Schloss im englischen Tudorstil wurde in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts gebaut. Es war Sitz der Rittergutsfamilie von Kähne, diente zu DDR-Zeiten als Schulungsheim und seit der Wende als Hotel. Schloss und Park in Petzow gelten als eines der bedeutendsten Landschafts- und Architekturensembles des 19. Jahrhunderts der Mark Brandenburg. Das war einmal - und so wird es nie wieder?

Große Pläne - wenig Taten

Der bayerische Unternehmer Claus Wiesner hat sich in Petzow engagiert - für das Schloss und ein am Ortseingang gelegenes einstiges Jugendtouristhotel. Wiesner hat hochfliegende Pläne mit Schloss und Schlosspark: Das Bauwerk solle saniert werden, wenn es eingebunden werden könne in ein Ensemble von Gartenflächen, Tennis- und Stellplätzen - so ist aus dem Bauamt in Werder zu hören. Das Problem dabei: Wiesner plant mit Flächen, die weder ihm noch der Stadt gehören. "Die Initiative müsste von den Vorhabensträgern kommen", erläutert Amtsleiter Axel Wolf. Das einstige Jugendtouristhotel in Petzow hat Wiesner unterdessen abgestoßen. Doch für das Gelände mit seinem verfallenen Plattenbau scheint es mehr Hoffnung zu geben als für das Schloss-Areal. Nach Informationen der Potsdamer Neuesten Nachrichten will der Kaufmann Axel Hilpert hier Großes leisten: ein Golf- und Freizeitparadies am Schwielowsee in bester Lage. Hilpert, zu DDR-Zeiten als Antiquitätenaufkäufer im Bereich Kommerzielle Koordinierung bei Schalck-Golodkowski tätig, hatte im April dieses Jahres auf dem Gutshof des Petzower Schlosses ein Antiquitätengeschäft mit kleinem Restaurant eröffnet und in diesem Zusammenhang auf weitergehende Pläne hingewiesen.

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