Berlin : Ruinenromantik

Matthias Oloew

Der Berliner an sich ist praktisch veranlagt. Aus jeder Situation weiß er das Beste zu machen. Bei der Berlin-Blockade gab es nur stundenweise Strom? Kein Problem, gehen wir eben mitten in der Nacht zum Friseur. Die DDR gibt den Weg nach Westen frei? Wunderbar, zerkloppen wir die Mauer und verhökern die Stückchen als Souvenirs. Der Bundestag wird heute bei seinem Entschluss bleiben und den Palast der Republik abreißen lassen? Prima, machen wir’s wie mit der Mauer, zerlegen wir den Bau in seine Einzelteile.

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Hausherrin des Palasts, klagt, es seien bereits Deckenplatten entwendet und Türen aufgebrochen worden. In einigen Wänden klafften tiefe Löcher und entwendete Mauerstückchen würden im Internet zum Verkauf angeboten. Die verspiegelten Scheiben sollen angeblich zu Sonnenbrillen verarbeitet werden. Das war der Behörde zu viel. Sie kündigte an: Ab sofort wird gegen praktisch veranlagte Zeitgenossen Anzeige erstattet – wegen Hausfriedensbruchs und Hehlerei.

Spaßbremsen. Die Behörde hat einfach nicht erkannt: Wir Berliner können eben nicht aus unserer Haut.

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