Berlin : Rumpeln und Quietschen wie damals

Die BVG zeigte bei ihrer Fahrzeugparade schöne alte Züge, Schienenschleifer und Loks. Besonders begeistert waren kleine Jungen – und große

Holger Wild

Was das „Train-Spotting“, das „Züge gucken“ also, betrifft, ist Berlin noch durchaus Entwicklungsland. In England, dem Mutterland dieses seltsamen Sports, haben die älteren Herren in ihren notorischen hellgrau-beigen Blousons Notizbücher dabei, um Zugnummern, Lokomotiv-Typen, -Baujahre und weiteres säuberlich aufzuschreiben und derart zu sammeln.

In Berlin dagegen dokumentierte am Sonntag höchstens mal eine Foto- oder Videokamera das Einfahren eines Zuges der selten gesehenen U-Bahn-Baureihe A II auf einem Bahnhof der Linie 1. Ansonsten begnügten sich die Eisenbahn-Liebhaber, die zu der „Fahrzeugparade“ im Rahmen der 100-Jahr-Feiern der U-Bahn gekommen waren, mit Hören und Sehen. Wie die alten Wagen rumpelten und quietschten – oder die modernen schnurrten und brummten. Wie die Konturen der Züge sich geändert haben im Laufe der Zeit, die Kanten runder wurden und die Frontscheiben immer größer. Dass die Raucher-Waggons der alten Züge rot waren und heute ein Hersteller der neuesten Baureihe mit dem minder geglückten Reim wirbt: „Von A nach B / mit Bombardier“.

„Fahrzeugparade“: Das hieß, dass zwischen 10.45 und 12.30 Uhr von Warschauer Straße nach Gleisdreieck zwar Züge fuhren, aber zu Paaren nebeneinander auf beiden Gleisen in die gleiche Richtung, und nicht wieder zurück, und sie hielten in den Stationen, damit die Besucher gucken konnten und durch die Scheiben lugen, aber nicht einsteigen. Darüber wachte Aufsichtspersonal, man hatte Leierkastenmänner engagiert und gelbe Ballons aufgehängt.

Also fuhren in Abständen vor: Die Fahrzeuge der A I, eckige Kästen, wie sie schon zur Inbetriebnahme dieses ersten Hochbahnabschnitts 1902 verkehrten. Dann die A II und A 3L und A 3L 82 und 92 und GI/1 „Gisela“ und HK – die neueste Baureihe, jene Züge, die man in ganzer Länge durchlaufen kann. Ferner war die Schienenschleifmaschine zu sehen, Schweißfahrzeuge, Diesel- und Akku-Loks, Loren und ein „Hilfsgerätezug“. Alles eben, was tags oder nachts auf den Gleisen der Kleinprofillinien unterwegs ist. Und zumal die kleinen Jungen wirkten ehrlich neugierig-begeistert, als hätten sie allesamt längst beschlossen, dermaleinst Lokführer werden zu wollen.

Wer aber an diesem Sonntag wirklich von A nach B wollte, der war auf Busersatzverkehr verwiesen. Wie immer eine Unerfreulichkeit, und so tröstete der Fahrer seine unfreiwilligen Gäste am Gleisdreieck: „Alles aussteigen, ab hier fährt jetzt wieder die Husche-Bahn!“

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