Berlin : Rund ums Karree: New Economy statt halblegaler Party

Tobias Arbinger

Vielleicht liegt der Nabel des neuen Berlins in einer Einfahrt. Hier, in der Rosenthaler Straße, scheint sich die ganze Stadt zu treffen. Kurz vor 20 Uhr beispielsweise, wenn die Leute ins Filmtheater wollen oder nach Karten für das Varieté anstehen. Vor den Kino-Aushängen warten junge Männer und Frauen auf ihre Verabredungen. In der Tordurchfahrt werden Bagels aus dem Bauchladen angeboten.

Aber nicht nur abends brummt die Gegend. Tagsüber spuckt der backsteinerne S-Bahnhof Hackescher Markt schubweise Menschen aus. Junge Leute in Daunenjacke, Turnschuhen und dem Handy am Ohr laufen an Cafés vorbei, in denen Männer in Schlips und Sakko Zeitung lesen. Draußen bitten Touristen um ein Gruppenfoto. Man stromert durch Schuh-, Kleidungs- und Möbelgeschäfte, besucht Galerien, den Kunst-Buchladen und das Architektur-Café in den Höfen und nimmt im Coffeeshop oder im Sushi-Laden einen Imbiss zu sich. Das Leben erscheint hier in einem Licht, das Werbeleute nicht besser hinbekommen könnten.

Vor vier Jahren, als der Tagesspiegel zum ersten Mal "Rund ums Karree" bummelte, hatten hier die Bauarbeiter das Sagen. Das Ende der Sanierung in den Hackeschen Höfe stand bevor, Wege und Straßen waren aufgerissen. Noch gab es die Grünfläche gegenüber den Höfen, auf der heute die Neubauten des "Neuen Hackeschen Markts" stehen.

Der Kommerz hat die Gegend viel stärker im Griff als vor vier Jahren: New Economy im Loft statt Party im halblegalen Hinterhofclub. Bei der Firma "Virtual Identity" beispielsweise in einem der Hackeschen Höfe tüftelt ein gutes Dutzend Menschen an Internetseiten für Kunden wie Siemens oder SAP. Im Büro, das von einem Designer gestaltet ist, läuft House-Musik. Der älteste Mitarbeiter ist 31. Messingschilder an anderen Hauseingängen zeigen, dass die Gegend auch von Rechtsanwälten, Architekten und Verbänden geschätzt wird. In einem Haus sitzt der Gewerkschaftsbund, in einem anderen das British Council, im dritten die Medienanstalt. "Für uns ist das der lebendigste Ort in der neuen Mitte Berlins", sagt Albert Eckert von der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung. In ihren Büros in den Hackeschen Höfen macht sie politische Bildungsarbeit - mit Blick über die Dächer. Die Stiftungsräume würden "ungeheuer angenommen, stark besucht," sagt Eckert. Zum Teil auch wegen der "wundervollen Lage". Die Lage hat ihren Preis. Trotz Sanierung und Neubau sind Wohn- und Gewerberaum in der Gegend knapp, sagt der Immobiliensachverständige Ulrich Springer. Bis zu 6000 Markt pro Quadratmeter müsse man dort für eine Eigentumswohnung bezahlen. Ein Spitzenwert.

Auf das urbane Pflaster fallen auch Schatten. Szene-Flair und Kiez-Charakter leiden unter Massentourismus und dem zunehmenden Verkehr. Der Hackesche Markt ist eine Attraktion wie das Brandenburger Tor. Das britische Magazin "Time Out" hat die Umgebung zur "neuen Achse des Berliner Nachtlebens" erklärt. Bis zu 9000 Plätze haben die Lokale in der Gegend, aber nur 7000 Menschen lebten dort. Vielen geht der Lärm der Nachtschwärmer auf die Nerven. Ursula Thierfelder von den Grünen in Mitte beobachtet "aggressive Anwandlungen" bei Alteingesessenen, die sich "in ihren täglichen Abläufen behindert" fühlten. Zum Beispiel wenn "große Gruppen quer auf dem Gehweg herumstehen". An kaum einem anderen Ort in der Stadt müssen so viele Falschparker abgeschleppt werden. Anwohner schimpfen über Besucher, die ihnen die Parkplätze wegschnappen, Händler klagen, dass ihre Lieferanten nicht herankommen. Eine gebührenpflichtige Parkzone soll bald Abhilfe schaffen.

Einige von denen, die den Mythos der Gegend begründet haben, schotten sich ab. So hat man kaum Chancen, am Türsteher des "Eschschloraque" vorbeizukommen, wenn man nach Massenpublikum aussieht. Der Club nahe dem Kino "Central" taugte als Kulisse für einen Krieg-der-Sterne-Film. Die Wände erinnern an eine Grotte, der Stahltresen ist ein Gebilde mit Gräten- und Netzmustern. Der Laden gehört zum Haus Schwarzenberg, einem Verein von Künstlern, die rund um den Hof wohnen und arbeiten. Mit der strengen Türkontrolle wolle man verhindern, dass zu viele "passive" Besucher die Atmosphäre zerstören, sagt eine Betreiberin. "Krass" findet sie die Entwicklung des Viertels. Künstler und Studenten könnten sich kaum mehr leisten, hier zu wohnen, sagt sie.

Heidrun Klinkmann hat dem Hackeschen Markt vor kurzem den Rücken gekehrt. 40 Jahre lang führte sie ihre katholische Buchhandlung im Haus Oranienburger Straße 1, einem Altbau mit von Kriegseinschüssen gezeichneter Fassade. Das Haus soll saniert werden. Die neue Miete kriegt man mit einem Buchladen nicht rein, sagt Frau Klinkmann. So ist sie mit ihrem Geschäft ein paar hundert Meter weiter in die Heckmann-Höfe gezogen. Anfangs habe sie sich darüber geärgert, dass sie weg musste, erzählt sie. Früher, vor der Wende, hätten sich am Hackeschen die Menschen noch gekannt. "Man kam nicht nur zum Kaufen, sondern auch zum Quatschen." Heute bevölkerten Jetset-Leute den Kiez. "Alles solche jungdynamischen Unternehmer." In den Heckmann-Höfen gefällt es Frau Klinkmann mittlerweile aber ganz gut. "Die Kunden haben hier mehr Ruhe zum Aussuchen." In Klinkmanns altem Geschäft in der Oranienburger Straße 1 hat der Brillenladen "B54Sun" aufgemacht, die Filiale einer Firma, die sich vor 15 Jahren am Kurfürstendamm etablierte. Anfangs erkennt man den Brillenladen nicht als solchen. Vor den Wänden hängen rosafarbene Gardinen, der Tresen ist ein schwarzer Block, Designerbrillen von Prada, Gucci und Oakley liegen auf Glasregalen. "Wir haben die Entwicklung am Hackeschen Markt zwei Jahre beobachtet", sagt B 54Sun-Geschäftsführer Michael Ledermann. Für ihn sei klar, dass dort nach der Gastronomie auch der Einzelhandel seinen Platz findet. Sein Laden soll an eine Lounge oder einen Club erinnern und junge kaufkräftige Kunden anlocken. Auf die Verpackung komme es an, sagt Ledermann: "Es macht schon einen Unterschied, ob ich meinen Cappuccino an der Müllerstraße trinke oder auf den Champs Elysées."

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