Berlin : Runfried Rissmann (Geb. 1925)

"Ich möchte, dass auf meinem Grabstein 'Schlüpfer-Runi' steht"

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Antje S., eine Schauspielstudentin, die nebenher in der häuslichen Altenpflege jobbte, war bei den Kolleginnen bekannt für ihr offenes, unerschrockenes Wesen. Dennoch warnte man sie vor ihrem ersten Besuch bei Runfried Rissmann: „Der ist manchmal ein bisschen komisch. Der redet gerne über Schlüpfer.“

Antje S. betrat eine Wohnung in der Kopenhagener Straße, in der seit Jahrzehnten nichts verändert worden war. Runfried Rissmann hatte Zeit seines Lebens in der Wohnung seiner Eltern gelebt, die inzwischen längst verstorben waren. Doch die Möbel standen immer noch genau so, wie sie sie arrangiert hatten. Selbst die Tapete an den Wänden stammte noch aus ihrer Zeit.

Inmitten dieser musealen Atmosphäre saß in einem bequemen Sessel ein kräftiger, alter Mann mit lebhaften Augen, der die neue Helferin fröhlich begrüßte: ein perfekter Großvater mit Wollweste und großer Nase.

Was auch immer Antje S. tat oder sagte, es schien ihn auf das Höchste zu beglücken. Er wirkte wie einer, der vollkommen ausgesöhnt ist mit sich und der Welt. Dabei, so erfuhr sie im Laufe der nächsten Besuche, hätte Runfried Rissmann die besten Gründe, dem Leben zu grollen.

Im Alter von sechs Jahren machte die Lehrerin die Eltern darauf aufmerksam, dass Runfried sich merkwürdig bewegte. Die Untersuchungen ergaben die Diagnose: Knochentuberkulose. Sofort wurde der Junge in einem Krankenheim untergebracht, wo man ihn in eine Gipsschale bettete, in der er sich kaum bewegen konnte. Dass die Eltern ihr einziges Kind täglich besuchten, konnte sein brennendes Heimweh kaum lindern.

Gegen diesen Schmerz half nur ein Mittel: Runfried Rissmann sammelte alle Informationen, die er seiner kargen Umgebung abringen konnte. Informationen aus der Welt, an der er nur teilnehmen konnte, wenn er sie einließ in seinen Kopf. Er lernte die Namen von Politikern und historischen Ereignissen. Er lernte Englisch. Er schrieb und las besser als so manches gesunde Kind, obwohl er nur zweimal in der Woche zwei Stunden Schulunterricht bekam.

Die Jahre im Krankenheim endeten brüsk. Während eines Besuchs trat ein jüdischer Arzt auf die Eltern zu und empfahl ihnen unvermittelt, den inzwischen neunjährigen Jungen mit nach Hause zu nehmen. Dieser jüdische Arzt wurde in Runfried Rissmanns Erinnerungen zu einem rettenden Engel. Wer weiß, was mit Runfried Rissmann geschehen wäre, wenn er noch ein paar Jahre länger in dem Körperbehindertenheim gelegen hätte. Die Nazis regierten das Land, und sie teilten die Menschen ein in brauchbar und unbrauchbar. Wer weiß, ob der Arzt selber den Nationalsozialismus überlebt hat.

Wieder daheim hämmerte Runfrieds praktisch veranlagte Großmutter Räder an das Bett des Enkels, so dass sie ihn täglich ans Fenster rollen konnte. Da lag er, eingezwängt in ein Korsett, und beobachtete die Kinder, die auf der Straße Hoppse spielten.

Er begann damit, sich aus seinem Bett hinauszuträumen. Er träumte von einer Welt, in der täglich neue Siege über die Körpergrenzen errungen werden. Er träumte sich in die Welt des Sports.

Er klebte Bildchen in ein Olympia-Album, sammelte sämtliche Zeitungsartikel, Zeitschriften und Bücher, die sich mit Sport beschäftigten. Liegend teilte er die Triumphe der Hochleistungssportler.

Und mit zunehmendem Alter träumte er sich auch hin zu diesem Stückchen Stoff, das er manchmal über den Knien der größeren Mädchen entdeckte. Dieser Stoffstreifen markierte das untere Ende ihrer riesigen Schlüpfer. Diese Wäsche, geschnitten wie heutige Radlerhosen, übte eine Magie auf ihn aus, die sogar die der Sportwelt übertraf.

Antje S. brachte zu einem ihrer Besuche ein Aufnahmegerät mit. Und Runfried Rissmann diktierte: „Es war am 26. November 1939. An diesem Sonntagnachmittag war das große Fußballspiel im Olympiastadion. Da kam zu uns eine junge Frau, die mit Mutti weggehen wollte. Mutti machte sich im Nebenzimmer fertig. Die junge Frau sah ganz gut aus und hatte einen kurzen, schwarzen Rock an. Sie war ein bisschen älter als ich, Anfang 20, ich war 14. Wie wir uns so unterhielten, da überkam es mich plötzlich, dass ich fragen musste: Was hammse’n für’n Schlüpfer an? Und da hat sie dann gelacht und gesagt, einen gelben. Und dieses Erlebnis hat mich den ganzen Sonntag so beschäftigt, dass ich vom Fußballspiel nachher am Radio gar nicht viel mitbekommen habe.“

Das war der Beginn von Runfried Rissmanns Leidenschaft für die Schlüpfer jener Zeit, von nachfolgenden Generationen „Liebestöter“ genannt. Antje S. hatte zunächst Bedenken, ob sie anderen von dieser Leidenschaft erzählen sollte. Doch schob sie die Zweifel schnell beiseite. Er machte ja aus seiner Vorliebe nie ein Geheimnis, im Gegenteil. Warum auch? Stand sie doch für die schönsten Gefühle.

Die Vierzigerjahre-Wäsche war für ihn aufgeladen mit der romantischen Erotik eines sehr jungen Mannes. Sie löste in Runfried Rissmann Liebesgefühle aus, die niemals alt wurden. Er korrespondierte weltweit, um sich über die knielangen Ungetüme auszutauschen. Pornos hingegen, so sagte er einmal, waren ihm zu vulgär. Auch das Angebot, den Besuch einer Prostituierten bezahlt zu bekommen, schlug er aus.

So wurde er zu einem doppelten Fachmann. Kaum jemand, der mithalten konnte mit Runfried Rissmanns Wissen über die Schlüpfer seiner Jugendzeit. Und kaum jemand, der sich messen konnte mit seinem Wissen über den Sport. Er wurde Koautor diverser Sportpublikationen. Er schickte Sportzeitschriften aus der DDR in die ganze Welt. Er nutzte seine Reisefreiheit als Körperbehinderter, um Sportdokumente einzuschmuggeln.

Einmal versuchte die Stasi, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Doch als der Stasi-Mitarbeiter bemerkte, dass Runfried Rissmanns vertrauensselige Redefreude nicht einmal vor der Schwärmerei für Vierzigerjahre-Schlüpfer bremste, bekannte er: „Ich glaube, Sie sind doch nicht der Richtige.“

Nicht der Richtige war er auch für die Frau, die er über eine Annonce kennengelernt hatte. Die kurze Ehe wird nicht die Erfüllung gewesen sein für das, was der Stoff seiner Träume versprach. Dennoch beklagte Runfried Rissmann sich nie.

Die Krankheit heilte immerhin so weit aus, dass er mithilfe seiner Krücken Ausflüge und sogar Reisen unternehmen konnte. Am liebsten mit Felicitas. „Feechen“, wie er sie nannte, war Lehrerin und viel strenger und ernsthafter als er. Sein Schlüpfer-Thema konnte er bei ihr nicht anbringen, dafür aber sein Interesse an Geschichte und Politik. 30 Jahre lang waren die beiden miteinander befreundet. Ein unsägliches Glück, fand Runfried.

Und irgendwann brach er, der Bewunderer, der Fan, selbst einen Rekord. Er erhielt einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde für das größte private Sportarchiv der Welt. Ein Triumph, der ihn bis ans Ende des Lebens beseelte.

Runfried Rissmanns lebensbejahendes Temperament wirkte heilsam auf diejenigen, die kamen, um ihm zu helfen. Die Damen von der Altenpflege freuten sich auf ihre Besuche bei dem alten Herrn. Der Zivildienstleistende richtete Runfried Rissmann einen Computer ein und surfte mit dem gelehrigen, alten Mann im Internet. Antje S. hielt den Kontakt weit über ihre Studentenzeit hinaus. Manchmal sang sie für ihn ein Chanson. Manchmal ging sie mit ihm auf den Balkon, und sie ließen sich vom Wind die Haare zausen. Was auch immer sie tat, Runfried Rissman strahlte vor Freude.

Eigentlich ließ der Kontostand des Sozialleistungsempfängers nur eine anonyme Urnenbestattung zu. Doch Antje S. ging sein letzter Wunsch nicht aus dem Kopf: „Ich möchte“, hatte er ihr einmal gestanden, „dass auf meinem Grabstein ,Schlüpfer-Runi‘ steht.“ Mit seiner Liebesphantasie wollte er der Nachwelt in Erinnerung bleiben. „Sie dürfen“, sagte die Mitarbeiterin der Friedhofsverwaltung, nachdem sie die gewünschte Grabinschrift abgelehnt hatte, „ein Zeichen eingravieren lassen. Ein Kreuz, eine Rose. Und wenn es denn unbedingt sein muss, auch einen Vierzigerjahre-Schlüpfer.“ So geschah es.

Die kleine Beerdigungsgesellschaft legte eine alte Schellackplatte auf. Wenn die Bagger, die das Grab zuschaufeln sollten, nicht ganz so schnell angeschmissen worden wären, dann hätten sie wahrscheinlich zu tanzen begonnen.

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