Russisch-orthodoxe Kirche : Ukrainer und Russen - in Berlin vereint

Während die politische Krise fortdauert, eint der russisch-orthodoxe Glaube die Ukrainer und Russen. Sie beten gemeinsam in der Christi-Auferstehungskathedrale.

Alina Rapoport
Ganz unorthodox. In der russisch- orthodoxen Kirche am Hohenzollerndamm wird auch ukrainisch gesprochen.
Ganz unorthodox. In der russisch- orthodoxen Kirche am Hohenzollerndamm wird auch ukrainisch gesprochen.Foto: imago/Schöning

Ruhig ist es in der russisch-orthodoxen Christi-Auferstehungskathedrale an diesem Dienstag. Bis auf das bedächtige Murmeln des Erzpriesters ist nichts zu hören – nicht einmal das Brausen der Autos auf der nahe gelegenen Autobahn. Nur eine Handvoll Menschen nimmt am Gottesdienst teil. Sie stehen auf den einstmals prächtigen, nun aber eher ausgeblichenen Teppichen und verbeugen sich vor dem reich geschmückten Altar. Gekommen sind sowohl Russen als auch Ukrainer.

„Es gibt keinen Hass in der Gemeinde“, sagt Viktor Abrossimow, der drei bis vier Mal pro Woche hier zum Beten vorbeikommt. Wenn jemand in der Kirche auf Ukrainisch redete, sei er so willkommen wie er selbst. „Niemand ist gebrandmarkt“, sagt der gebürtige Russe. Alle sorgten sich gemeinsam um das Schicksal der Menschen in der Ukraine.

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Vor knapp 75 Jahren erbaut, untersteht die Kathedrale dem Moskauer Patriarchat. Die dreischiffige Basilika ist nicht sonderlich groß. Eher schlicht gehalten, ohne die üblichen vergoldeten Kuppeln. Bloß je ein goldenes Kreuz prangt auf den vier kleinen Türmen.

Beten für den Frieden in der Ukraine

Jeden Sonntag wird hier am Hohenzollerndamm der Toten vom Maidan gedacht. Am Wochenende ist die Kirche immer gut besucht. Dicht gedrängt stehen die Anwesenden Seite an Seite beieinander, beten für den Frieden in der Ukraine. Gemeinsam. Viele haben Freunde und Verwandte dort. Wie Larisa Gakhova.

Die 32-jährige ist in Charkow, einer Stadt in der Ostukraine, aufgewachsen. Sie ist heute das erste Mal in der Kirche. „Ich bete für mein Land, für alle Menschen dort und für meine Familie.“ Ihren Bruder in Russland versucht sie über die Situation in ihrer Heimat auf dem Laufenden zu halten. „Damit er nicht der Propaganda Putins einheim fällt“.

Im Glauben geeint, aber unterschiedliche Wahrnehmungen

Auch eine Usbekin, die den Gottesdiensten regelmäßig beiwohnt, sorgt sich um Freunde und Bekannte. Im Gegensatz zu Gakhova vergleicht sie die Unruhen in Kiew mit der Russischen Revolution von 1917. „So etwas werde ich niemals gutheißen.“ Die neue Regierung sei nicht legitim, und im Hintergrund agierten nationalistische Parteien. Sie betet für den Frieden im Land und hofft, dass es zu keinem Fremdenhass kommen möge.

Die Menschen, die zu den Gottesdiensten in der gelb getünchten Christi-Auferstehungskathedrale gehen, sind in ihrem Glauben geeint. Die politischen Auseinandersetzungen ihrer beiden Länder können sie nicht auseinanderbringen. Dennoch sind sie in ihren Wahrnehmungen uneins.


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