Berlin : Russische Hochzeitsreise

Warum vier Moskauer Standesbeamtinnen auf den Fernsehturm kletterten

Jens Mühling

Irina Murawjowa hat diese Szene tausend Mal gesehen. Trotzdem ist die Moskauer Standesbeamtin sichtlich gerührt, als an diesem Vormittag auf der Aussichtsplattform des Fernsehturms ein junger Bräutigam seiner frisch Angetrauten den ersten amtlich beglaubigten Kuss auf die Lippen drückt. Normalerweise erlebt Frau Murawjowa die Szene aus der Perspektive der Standesbeamtin, heute aber ist sie nur eine Art Zaungast: Zusammen mit drei Kolleginnen ist sie angereist, um mitzuerleben, wie in Berlin geheiratet wird. Zum Beispiel auf dem Fernsehturm, was in Moskau bislang undenkbar ist. Ganz unbeteiligt am Rand stehen will Frau Murawjowa dann allerdings doch nicht: Als Standesbeamtin kann man nicht aus seiner Haut, deshalb lässt es sich die resolute Dame nicht nehmen, dem jungen Paar nach der Trauung noch ein Puschkin-Zitat mit auf den Weg zu geben: „Von allen Vergnügungen, die es auf der Welt gibt, zählt nur die Liebe.“

Der Gastgeber dieser ungewöhnlichen Hochzeitsreise ist Mittes Bezirksbürgermeister Joachim Zeller (CDU). Seit zehn Jahren sind Berlin und Moskau Partnerstädte, nun soll auch der Kontakt zwischen Berlin-Mitte und der Verwaltung des Moskauer Stadtzentrums schrittweise intensiviert werden. Bisher ist diese Partnerschaft allerdings nur eine Vereinbarung auf dem Papier, die nach und nach mit Leben erfüllt werden soll. Und eins der zahlreichen Programme betrifft die Standesämter. Durch gegenseitige Besuche wollen Moskauer und Berliner Standesbeamte mehr über das Ausbildungssystem ihrer Partnerstädte erfahren und sich auch über das „europaweit einzigartige Berliner Hochzeitskonzept“ informieren, wie es Joachim Zeller nennt. Deshalb werden Frau Murawjowa und ihre Kolleginnen im Laufe des Besuchs auch noch einer Unter-Wasser-Trauung im Aqua-Dom beiwohnen. Ein anderer Aspekt der Zusammenarbeit betrifft Ehen zwischen deutschen und russischen Staatsbürgern: Mehr als 200 davon werden jedes Jahr in Moskau geschlossen, in Berlin sind es nach Schätzung des Bezirksamts Mitte etwa genau so viele. Noch müssen dabei enorme bürokratische Hürden genommen werden, die die Standesbeamten beider Länder nun schrittweise abbauen wollen.

Am interessantesten finden Frau Murawjowa und ihre Begleiterinnen allerdings den Erfahrungsaustausch mit den deutschen Kollegen, der oft erstaunliche Unterschiede zutage fördert: beispielsweise, dass der Mai in Deutschland als bester Hochzeitsmonat gilt, während ein russisches Sprichwort besagt: Wer im Mai heiratet, quält sich ein Leben lang. Oder, dass Deutsche in der Regel erst mit 28 Jahren heiraten – in Russland liegt das Durchschnittsalter bei 22 Jahren für Frauen und 24 für Männer. Gemeinsamkeiten gibt es allerdings auch: Beim Rundgang durchs Standesamt Mitte entdeckt Irina Murawjowa ein Schild, das das Werfen von Reis und Blumen im Gebäude untersagt. „Oh ja“, seufzt sie, „damit haben wir auch Probleme“.

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