Berlin : Russische Nächte sind lang

Deike Diening

Es gibt ja unerhört viele Bälle in Berlin: der ADAC hat einen, der Lions-Club, die Wirtschaftsjunioren - und Pressebälle gibt es gleich zwei. Aber die Russen, die hatten lange nur ihre berühmte Seele, die in der Stadt für sie tanzte. Und deshalb gibt es seit dem vorigen Jahr den Zarenball, der, so versprechen die Veranstalter, festlich und rauschend und märchenhaft und von Edlen und Adligen besucht sein wird.

Alexander Kozulin hat den Ball initiiert. Bis 1992 führte er das Berliner Nachtlokal "Chez Alex" - "ein Prominentenschuppen" - litt dort aber schnell an künstlerischer Unterforderung. Regie wollte er führen, auftreten, Klavier spielen, kurz: "meine ganze Kreativität einsetzen." Also ging er nach Amerika, führte Regie, trat auf, spielte Klavier und will jetzt mit dem neuen Ball, der heute zum zweiten Mal im Hotel Interconti stattfindet, ein russisches Gegenbild entwerfen zum einseitigen Mafia-Gemälde, das in den 90er Jahren entstanden war. Ein Gegenbild zu den Männern, die mit dicken Ringen in der Sauna am Europa-Center liegen. "Sehr unintelligent", findet er das nämlich. Viel lieber erzählte er stattdessen ein russisches Märchen. Von der russischen Magie und Geschichte und dem Unerklärten. Und weil der Ball jedes Jahr ein anderes Thema hat, ist es dieses Jahr Katharina die Große.

Als bei dem Opern-Regisseur Martin Verges Anfang Mai das Telefon klingelte, da gab der eine Künstler dem anderen einen Auftrag: den Ball so zu inszenieren, dass man sich körperlich hineinversetzen könne. In die Geschichte um Katharina die Große, "die ja mit 17 schon an den Petersburger Hof verkuppelt wurde." Das sei der Unterschied zu allen Theater-, Film- und Cartoonvarianten über Russland: dass der Gast jetzt Teil der Inszenierung sei. Deshalb sind jetzt zehn Schauspieler dabei, um Katharina die Große ein schauspielerisches und musikalisches Netz zu weben, in dem der Ballbesucher sich einen langen Abend freiwillig gefangen nehmen lässt. "Eine Brücke zwischen Pracht und Armut" will Kozulin bauen.

Die prächtigen Eintrittspreise von 390 Euro pro Person sollen armen Kindern helfen: Kozulin, dessen eigene Kindheit vaterlos und von einem anderen Reichtum war, der das Geld nicht kannte, will so junge, aber arme Talente fördern. Er spricht von "russischen Wunderkindern" und stellt in einem Benefizkonzert nachmittags drei davon vor. Mitternacht gibt es ein Feuerwerk, denn eigentlich feiert man am 13. Januar das russische Neujahr.

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