Berlin : Russischer Glanz

Botschafter-Ehepaar Kotenev will ein neues Bild seines Landes vermitteln – mit Chic und Charme

Elisabeth Binder

An Negativ-Schlagzeilen mangelt es Russland nicht. „Russland entfernt sich von der Demokratie und beschneidet Menschenrechte“, urteilte eine US-Studie im Dezember. „Moskau sperrt deutsche Welle“, hieß es kurz darauf. „Russland erzwingt von der Ukraine höhere Gaspreise“, ging es Anfang des Jahres weiter. Wo bleibt da eigentlich das Positive? Die Frage mag sich vielen gar nicht erst stellen, aber den russischen Botschafter Wladimir Kotenev und seine Frau Maria bewegt sie doch heftig. Schließlich sind die beiden vor zwei Jahren angetreten, das Image ihres Landes in Deutschland mit den Mitteln der öffentlichen Diplomatie zu verbessern. Und merken bei allen Anstrengungen doch, was für eine Sisyphos-Arbeit das ist. Dabei sind die beiden nach außen hin eine Idealbesetzung für diese Aufgabe. Es macht ihnen keine Mühe, als Glamourpaar aufzutreten, was der Sympathiegewinnung in der westlichen Welt in aller Regel besonders zuträglich ist. Sie sprechen beide fließend Deutsch und kennen Deutschland aus drei Perspektiven. Von 1979 bis 84, also noch zu Zeiten des Kalten Krieges, war Kotenev, Jahrgang 1957, im West-Berliner Konsulat in Dahlem stationiert. Die Familie lebte auch dort, durfte aber damals keine unbefangenen Kontakte knüpfen. Berlin war die Hauptstadt der Spione, es gab zu viele widerstreitende Interessen. Einem Bombenattentat auf das Konsulat entkam er nur durch einen glücklichen Zufall. Anschließend wurde der junge Diplomat von 1984 bis 1986 nach Ost-Berlin versetzt, in die Botschaft Unter den Linden. Da waren Kontakte plötzlich möglich. Manche blieben krampfig, weil verordnetet, aber es entwickelten sich auch echte Freundschaften, die bis heute gehalten haben. Es folgten Stationen unter anderem in Österreich und der Schweiz, während in Berlin der Kalte Krieg mit dem Fall der Mauer zu Ende ging und vorübergehend Russland im Zuge der Gorbi-Manie auch im Westen in einem freundlichen Licht gesehen wurde. Mit der Wiedervereinigung verloren die Russen ihre Macht über die ehemalige DDR.

Als Kotenev vor zwei Jahren als Botschafter nach Deutschland zurückkehrte, kam er in ein völlig verändertes Land. An seiner Seite: Ehefrau Maria. Kennen gelernt hat er sie während des Studiums an der Hochschule für Internationale Beziehungen in Moskau. Sie hat dort Ökonomie studiert. Mit ihren auffällig langen Haaren, ihrem sicheren modischen Gespür und unbekümmert wirkendem Charme, hat sie sich im neuen Berlin rasch viele Freunde gemacht. Und vielleicht ist es ihr zu verdanken, dass der Botschafter die Imagewerbung für sein Land deutlich auf westliche Spielregeln umgestellt hat. Immer wieder treten die beiden als smartes Paar auf, organisieren in der barocken Pracht ihrer Botschaft auch glanzvolle Bälle und Feste, zum Beispiel zum Valentinstag, wo als Engel verkleidete Kinder rote Herzen auf die Wangen der eintreffenden Damen klebten. Es hilft der Sympathie-Offensive, dass die beiden offensichtlich richtig gern mitein ander tanzen und turteln.

Der Botschafter ist fest davon überzeugt, dass alte Klischees aus der Zeit des Kalten Krieges die Hauptursache dafür sind, dass Russland immer wieder in die Negativschlagzeilen gerät. Darüber geraten aus seiner Sicht die menschlichen Aspekte viel zu sehr ins Hintertreffen. Sein Land habe sich dramatisch geändert, gibt er zu bedenken. Alle Menschen dort mussten angesichts der gewaltigen Umwälzungen völlig umdenken, ihr Leben komplett ändern. Ihm selbst ist es in seinem Beruf ja nicht anders gegangen.

Welche der drei Städte Berlin, die er kennen gelernt hat, ihm am besten gefallen hat? „Vom beruflichen Standpunkt aus ist das jetzige Berlin das beste für mich, weil es viel angenehmer ist. Wir haben keine Konfrontation mehr und können uns auf wichtige konstruktive Arbeit konzentrieren“, sagt er.

Als Kotenevs 1979 zuerst nach Berlin kamen, gab es kaum Hoffnung, die Teilung in absehbarer Zeit zu überwinden. Niemand hätte sich damals wohl vorstellen können, dass in der Botschaft Unter den Linden einmal Imagewerbung betrieben werden würde, dass ausgerechnet der russische und der amerikanische Botschafter gemeinsam dorthin zum weihnachtlichen Jazz-Konzert einladen würden. Niemand hätte sich vorstellen können, dass ein wiedervereinigtes Deutschland von einer ostdeutschen Kanzlerin regiert werden würde. Für Angela Merkel finden Vladimir und Maria Kotenev nur gute Worte: „Wir freuen uns sehr, dass sie unsere Muttersprache spricht. Sie hat tüchtig gelernt und praktiziert sie auch.“ Besonders im letzten Sommer ihrer Kandidatur hat sie jede Begegnung mit den Kotenevs genützt, um ihr Russisch aufzupolieren.

Obwohl oder gerade weil die beiden so aufgeschlossen und perfekt wirken, wecken sie immer wieder auch Zweifel. Manche finden den Botschafter zu jung für den Job. Und ganz bestimmt hat er doch Putin, der damals als KGB-Mann in Dresden lebte, in dieser Zeit kennen gelernt? Kotenev verzieht genervt das Gesicht, diese Frage wird ihm offensichtlich einfach zu oft gestellt. Nein, nein, er habe seinen Präsidenten wirklich erst kennen gelernt, als er schon Botschafter war. Das muss man glauben können. Deutlich sichtbar hingegen ist die Lust, mit der die beiden im wiedervereinigten Berlin leben. Sie wohnen wieder in Dahlem, aber natürlich ohne die früheren Restriktionen, sie fahren gern zusammen Rad, am liebsten nach Potsdam. „Manchmal baden wir auch in einem der Seen, es gibt so schöne, reine Gewässer ringsum“, sagt der Botschafter. Maria Kotenev hat an der Humboldt-Universität ein Diplom gemacht, das es ihr ermöglicht, Deutschunterricht zu geben. Sie hatte selbst ein paar Deutschland-Klischees, die sie inzwischen abgelegt hat. „Dass Deutsche immer genau pünktlich ihre Zusagen einhalten, stimmt leider nicht“, sagt sie und lacht. Die Erfahrung hat sie auch als Gastgeberin gemacht. Versuchen sie durch ihr junges, dynamisches, sympathisches Auftreten das neue Russlandbild zu vermitteln? „Wir spielen nicht“, sagt der Botschafter fest entschlossen, sich nicht nerven zu lassen. „Wir sind es!“

„Junge Russen denken nur an die Zukunft“, sagt Maria Kotenev. Ihr Sohn und ihre Tochter, die beide in Moskau leben, kämen nie darauf, die Deutschen als Leute zu sehen, die den Krieg angefangen haben. „Für sie sind Deutsche Partner, mit denen man gemeinsam etwas Wirtschaftliches unternehmen kann.“ So möchten sie selber auch gesehen werden. Auch deshalb spielt die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin bei der Charme-Offensive an der Seite ihres Mannes längst eine Hauptrolle.

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