Berlin : Russland liegt am Mittelmeer

Phantasie war gefragt: Die Berliner Märchentage verzauberten mehr als 75000 Besucher Und das, obwohl es auch Furchteinflößendes im Roten Rathaus zu sehen gab

Christian van Lessen

Die fünfjährige Carla aus Friedenau musste schlucken. Mit den Eltern ging sie Sonntagmittag ins Rote Rathaus, vor den Festsaal im ersten Stock rechts, wo es „Familienspaß“ zu den Berliner Märchentagen geben sollte. Carla fand es erst gar nicht spaßig, sie fürchtete sich vor dem zotteligen Höhlenmenschen. Der stand am Eingang, von Kopf bis Fuß mit Lammfell behangen, an ein Monster aus der Sesamstraße erinnernd. „Erzählst du ein Märchen?“, fragte das Kind scheu, und der Höhlenmensch lächelte milde und erzählte, dass er hier nur steht, um Lammfelle zu verkaufen. Dann tröstete sich Carla schnell mit anderen, meist russischen Kindern am Basteltisch, und obendrein wurden noch russische Puppenspieler erwartet, die ein russisches Märchen darstellen wollten. Darüber wunderten sich die Eltern, da die Märchentage doch unter dem Motto „Märchen, Mythen, Mittelmeer“ standen. Zwischendurch fotografierten japanische Touristen den Festsaal und die noch leere Bühne und hatten von den Märchentagen keine Ahnung. Es war eben nicht ganz einfach, in den vergangenen zehn Tagen unter 650 Veranstaltungen an fast 200 Orten genau auf Anhieb das jeweils richtige zu finden.

Da gab, zur gleichen Zeit, das große Kinderkunstfest im Foyer und im Untergeschoss der Gemäldegalerie auf dem Kulturforum schon mehr her. Da wurden die Kinder und Erwachsenen „auf Märchenpfade in Griechenland“ geführt, Märchen des Mittelmeers in Erzählungen und Liedern dargeboten, aus Italien märchenhaft über Schurken, Schlawiner und Herzensbrecher berichtet, das Athener Schattentheater spielte das Märchen vom verhexten Baum und dann gab es auch griechische Volkstänze auf der Bühne. Die Kinder johlten vor Vergnügen, saßen gebannt auf den Plätzen oder bastelten irgendwo, schauten sich auch neugierig im Museumsbau um und fragten das Personal, was es denn hier sonst zu betrachten gibt. Das Museum bot bereitwillig Führungen an und es gab sogar eine Tombola und ein Quiz.

Silke Fischer, die Direktorin der mittlerweile zum 14. Mal veranstalteten Märchentage, war „total zufrieden“. Mit 75000 Besuchern konnte sie wieder eine märchenhafte Bilanz verbuchen. Kinder und Erwachsene lassen sich eben gern Märchen erzählen. Silke Fischer will weiter mit Sponsoren und finanzieller Hilfe der Klassenlotterie Märchentage organisieren. Ein wenig sorgte sie sich aber gestern schon um die Märchentage in zwei Jahren. Dann sind die Lottogelder fraglich. Aber vielleicht geht es zu wie in Märchen. Sie finden meist ein gutes Ende.

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