Berlin : Ruth Dietzsch (Geb. 1924)

Kein Bürgermeister muss die Sekretärin seines Vorgängers übernehmen.

Tatjana Wulfert

So. Es ist jetzt zwanzig vor fünf. Ich mach mich mal auf den Weg und gucke, ob alles vorbereitet ist.“ Ruth Dietzsch greift nach ihrer Tasche, nach dem Mantel, läuft rasch die Treppen des Reinickendorfer Rathauses hinab, zum Auto, eine gute Stunde hat sie noch, bis die Busse mit den 600 französischen Rekruten im Restaurant eintreffen. Punkt 17 Uhr hält ihr Wagen vor dem „Palais am See“ in Tegel. Nicht ein Bus auf dem Parkplatz. Eilig tritt sie in den Speisesaal, erstarrt, nur Paare, Familien, die Suppen und Schnitzel essen. Vielleicht träume ich, denkt sie, schließt die Augen, öffnet sie wieder, die vergnügten, kauenden Menschen sitzen noch immer auf ihren Stühlen. Ruth ruft im Rathaus an. „Was ist hier los?“, fragt sie mit einem letzten Rest von Beherrschung den zuständigen Referenten „In einer Stunde beginnt die Weihnachtsfeier für die Soldaten.“ Sie hört schweres Atmen, dann Gestammel, versteht das Wort „vergessen“, legt auf.

Einen Augenblick steht Ruth still, konzentriert, das Klappern und Klirren, die Stimmen scheinen zu verschwinden. Kehren wieder. Sie weiß nun, was zu tun ist. Alle Gäste mögen ihre halbvollen Teller stehen lassen, sie müssen nichts bezahlen. Die Kellner decken ein, 600 Teller, Gläser, Bestecke, fünf vor sechs sind sie fertig, um sechs strömen die Soldaten in den Saal.

So erzählte es Ruth hinterher. Die kluge, energische Ruth. Die Sekretärin aller Reinickendorfer Bezirksbürgermeister zwischen 1947 und 1984. Ein neu gewählter Bürgermeister ist nicht verpflichtet, die Sekretärin seines Vorgängers zu übernehmen. Ruth blieb über fünf Amtsperioden. In anderen Bezirken gab es Bürgermeister, die fünf Mal die Sekretärin wechselten.

Es ist schade, sagen Ruths ehemalige Kollegen, dass niemand all die Geschichten, die sie über die Zeit nach dem Krieg erzählte, aufgeschrieben hat. Es bleiben große Lücken und Bruchstücke. Über hungrige Menschen, die ins Rathaus kamen und Lebensmittelmarken erbaten. Über die paar Kohlen, mit denen Ruth das Zimmer des Bürgermeisters im Winter eine Stunde vor seinem Eintreffen dürftig heizte. Die Finger, die auch vom Tippen nicht wärmer wurden. Darüber, wie die französischen Sieger und Besatzer Freunde wurden. Am Anfang dieser Franzose, dem jemand das Portemonnaie stahl, und der natürlich alle Deutschen verdächtigte. Später das Deutsch-Französische Volksfest jedes Jahr, auf dem alle gemeinsam Crêpes aßen und Cidre tranken. Ruth erzählte, ernst oder lachend. Lachte manchmal so laut, oben in der zweiten Etage, dass man es unten beim Pförtner hören konnte. Musste ihr ansteckendes Lachen bisweilen krampfhaft unterdrücken: Während langwieriger, eintöniger Sitzungen malten sie und ein Herr am Tisch gegenüber kleine Gesichter auf ihre Daumen und hielten sie, wenn gerade kein anderer hinsah, hoch.

An fast 2000 Sitzungen hat Ruth teilgenommen, stenografierte als Protokollführerin im Bezirksamtskollegium die vielen, nicht selten feindseligen Wortwechsel der Parteien, immer transparent, loyal. Beruhigte aufgebrachte Bürgermeister. Wusste, welcher Tee welches Zipperlein lindert. Der politische Alltag ist hart.

Aber irgendwann, meist spät am Abend, war Schluss. Denn Arthur wartete unten im Auto auf sie. Und wenn der Bürgermeister eine allerletzte Bitte vortrug, knipste sie ihre Schreibtischlampe aus und sagte: „Nee, ich bin seit sieben hier, jetzt will ich zu meinem Mann.“ Möglicherweise fiel dem Bürgermeister in so einem Moment die eigene Familie ein. Er nickte und Ruth stieg zu Arthur ins Auto. Sie fuhren in die „Weiße Stadt“, die Reinickendorfer Bauhaussiedlung, in ihre hübsche helle Wohnung, und vielleicht erzählte Ruth ihrem Arthur dann am Abend all die Geschichten über die Stadträte und Bürgermeister und unglückseligen Referenten. Tatjana Wulfert

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