Rutschpartie : Berlin schlittert über eisglatte Straßen

Draußen rutschten die Bürger über vereiste Wege, drinnen liefen die Telefone heiß: Die Glätte machte Berlin am Mittwochmorgen zu schaffen – Und für das Ordnungsamt hagelte es Beschwerden.

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Auf dem Weg zur Arbeit kam so manch einer ins Schlittern.
Auf dem Weg zur Arbeit kam so manch einer ins Schlittern.Foto: dpa

Draußen rutschten die Bürger über vereiste Wege, drinnen liefen die Telefone heiß. Die Mitarbeiter in den Ordnungsämtern waren im Dauerstress, so viele Beschwerden über nicht gestreute Flächen gingen an diesem Mittwochmorgen ein. „Wir kommen mit den Kontrollen kaum noch hinterher!“, rief der Leiter des Pankower Ordnungsamtes ins Telefon.

Der Regen hatte die Stadt mit einer Eisschicht überzogen – und offenbar wurden viele Streudienste und Hausmeister überrascht, denn stadtweit tippelten die Menschen über die rutschigen Gehwege. Und das hatte Folgen – nicht nur für die Ordnungsämter.

Auch die Berliner Feuerwehr sprach von einem Ausnahmezustand. 300 Mal mussten Rettungswagen bis 11 Uhr ausrücken, weil Menschen gestürzt und sich verletzt hatten. Das seien 70 Einsätze mehr als am Vortag, sagte eine Feuerwehrsprecherin. Der erste Notruf ging bereits um 3.17 Uhr ein. „Viele Menschen wurden beim Hinaustreten auf die Straße vom Glatteis überrascht und stürzten.“ Auch die Freiwillige Feuerwehr wurde zur Unterstützung herangezogen; mehr als 110 Rettungsfahrzeuge waren somit im Einsatz. Die Glatteisopfer erlitten vor allem Verletzungen am Handgelenk oder am Knöchel, sagte ein Vivantes-Sprecher. In den Rettungsstellen wurden deutlich mehr Patienten als sonst behandelt.

Doch nicht nur auf den Gehwegen war die Rutschgefahr hoch. Auch auf den Berliner Straßen kam es laut Polizei zwischen 6 und 10 Uhr vermehrt zu Verkehrsunfällen, vor allem in den Außenbezirken bildete sich Glatteis.

In Brandenburg zählte die Polizei bis zum Morgen 103 Unfälle; die Autobahnen A 111 – nahe Stolper Heide –, der südliche Berliner Ring und die A 12 bei Frankfurt/Oder wurden gesperrt.

Und glatt sollte es auch bleiben: Schon am Mittwochabend gefror das tagsüber getaute Wasser wieder. Die Temperaturen sollten in der Nacht auf bis zu minus fünf Grad Celsius sinken. Somit wird der Berufsverkehr auch am heutigen Donnerstagmorgen betroffen sein.

Um das Glatteis zu bekämpfen, war die BSR seit 3 Uhr im Dauereinsatz. Mit einer Streuflotte von 480 Fahrzeugen waren während der Frühschicht 1600 Mitarbeiter im Dienst. Vor allem an Haltestellen und Bahnhöfen sowie auf den großen Verkehrsadern der Stadt wurde Feuchtsalz zum Auftauen des Eises verwendet, sagte ein BSR-Sprecher. Besonders auf freien Flächen – etwa auf Brücken – könne es sehr schnell glatt werden.

Wer auf Glatteis stürzt und sich eine Verletzung zuzieht, hat in der Regel Ansprüche auf Schadensersatz und Schmerzensgeld gegen den Räumpflichtigen. Schwierigkeiten macht aber regelmäßig die Durchsetzung dieser Ansprüche. Der Geschädigte muss vor Gericht beweisen, dass er die Verletzung aufgrund einer schuldhaften Pflichtverletzung der Gegenseite erlitten hat und dass ihn selbst kein Mitverschulden trifft. Am besten dokumentiert man mit Fotos nicht nur die Unfallstelle, sondern auch die Lage auf den umliegenden Gehsteigen. „Jeder hat eine Obliegenheit zur Schadensminderung“, sagt dazu Ulrich Wimmer, Sprecher der Berliner Zivilgerichte. Wer zum Beispiel nicht die Straßenseite wechselt, obwohl dort besser geräumt ist, macht sich mitschuldig und mindert so seinen Anspruch.

An diesen Schwierigkeiten kann auch die Rechtslage nichts ändern, die durch Änderungen im Straßenreinigungsgesetz entstanden ist. Anders als früher können sich Grundstücksbesitzer nicht mehr der Haftung entziehen, indem sie einen Winterdienst beauftragen. Die Kontrollpflicht bleibt immer bei ihnen. Im schlimmsten Falle drohen ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung, eine Zivilklage auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, dazu ein Bußgeld vom Ordnungsamt und die Kosten der Ersatzvornahme, falls der Bezirk anstelle des Pflichtigen räumen lässt. Geräumt werden muss ein Streifen von einem Meter – auf Hauptstraßen 1,50 Meter. (mit dapd)

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