Berlin : S-Bahn bagatellisiert Zusammenstoß zweier Züge

KLAUS KURPJUWEIT

Prellbock in Wannsee umgefahren und Gegenzug mit Fahrgästen gerammtVON KLAUS KURPJUWEIT BERLIN.Fahrgäste einer S-Bahn sind am Montag nur knapp einem schweren Unfall entgangen, und die S-Bahn GmbH versuchte bis gestern, diese Beinahe-Katastrophe zu bagatellisieren.Ein Zug ohne Fahrgäste war auf einen Prellbock geprallt, übers Gleis hinausgeschossen und einem Gegenzug mit Fahrgästen in die Seite gefahren.Verletzt wurde dabei nach Angaben von S-Bahn-Sprecher Gottfried Köhler niemand.In diesem Fall habe die S-Bahn auch nicht die Pflicht, alles zu sagen, was bei ihre passiere, begründete er das Schweigen aus der Zentrale.Dort saß zu diesem Zeitpunkt noch Axel Nawrocki auf dem Chefsessel.Inzwischen wechselte Nawrocki in den Vorstand der Bahn AG.Wie es zu dem Unfall kommen konnte, sei noch unklar, sagte Köhler weiter.Der Fahrer habe einen Schock erlitten und sei noch nicht befragt worden.Offen ist so, ob es sich um menschliches Versagen handelte oder ob bei dem Zug der Baureihe 480 die Bremsen defekt waren.Der Zug der Linie S 1 war in Wannsee in die Kehranlage gefahren, die am Gleisende mit einem Prellbock gesichert ist.Zulässig ist hier eine Geschwindigkeit von maximal 30 km/h.Anders als bei der U-Bahn sind bei der S-Bahn die Gleise, die zu einem Prellbock führen, nicht zusätzlich gesichert.Wenn der Fahrer nicht bremst, erfolgt der Aufprall aufs Hindernis.Dem Vernehmen nach schob die Bahn den schweren Prellbock rund 15 Meter vor sich her; das ist nur mit einer verhältnismäßig hohen Geschwindigkeit möglich.Der Unfallzug stieß einem Zug aus Potsdam, der mit vier Fahrgästen besetzt war, in die Seite.Das Streckengleis beschreibt nach Köhlers Angaben hinter dem Kehrgleis einen Bogen.Wäre der Fahrgast-Zug voll erwischt worden, hätte es einen schweren Unfall geben können.In diesem Fall sei aber nur die Seite "angekratzt" worden.Die S-Bahn verläßt sich nach der Eisenbahnbau- und -betriebsordnung (EBO) bei Kehrgleisen voll auf die Aufmerksamkeit der Zugfahrer.Bei der U-Bahn der BVG gibt es dagegen nach Angaben von Betriebsleiter Norbert Klempert Geräte zum Überwachen der Geschwindigkeit.Fahren die Züge schneller als erlaubt, etwa wenn der Fahrer zusammengebrochen ist, werden sie zwangsgebremst.Eine Ausnahme bei der S-Bahn gab es lediglich in Lichtenrade.Als der Betrieb im Westteil der Stadt 1984 von der BVG übernommen worden war, verlangte die Technische Aufsichtsbehörde dort ebenfalls eine Geschwindigkeits-Überwachung einzubauen.Die Gleise endeten damals fast unmittelbar vor der Bahnhofsstraße und waren zuvor ebenfalls nur mit einem Prellbock gesichert.Erlaubt waren hier aus Sicherheitsgründen nur 10 km/h.Heute führt ein Gleis weiter Richtung Blankenfelde, so daß die Sicherung hier überflüssig ist.In den 60er Jahren hatte in Mahlsdorf eine S-Bahn ebenfalls einen Prellbock umgefahren, der ein Gleis sichern sollte, das auf eine demontierte Brücke führte.Und nach Angaben aus S-Bahn-Kreisen war vor wenigen Wochen in der Betriebswerkstatt Friedrichsfelde ein Zug gegen eine Hallenwand gefahren, die erheblich beschädigt worden sein soll.Köhler, gestern danach um 15.45 Uhr befragt, sagte dazu: "Um diese Zeit fange ich nicht mehr an, nach einem Mitarbeiter zu suchen, der Auskunft geben kann."

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