S-Bahn-Chaos : Kollektive Ratlosigkeit

Bei der Berliner S-Bahn geht fast gar nichts mehr. Und wie fahren Sie ab Montag?

Eva Kalwa

Als Elisabeth Braun das Radio einschaltete, wollte die Zehlendorferin ihren Ohren nicht trauen: Ausgerechnet in der kommenden Woche, in der sie einen Kurztrip ins Grüne geplant hat, raus aus der drückend heißen Stadt, fahren die S-Bahnen zwischen Ostbahnhof und Zoologischem Garten nicht mehr. „Wie ich jetzt am Montag vom Hauptbahnhof zurück nach Hause kommen soll“, sagt die 34-Jährige, „weiß ich noch nicht.“ Die sieben Regionalzüge pro Stunde und Richtung, die ab Montag eingesetzt werden sollen, könnten eine Lösung sein. Nur: Von der hatte Braun bis eben noch gar nichts erfahren, wie überhaupt viele S-Bahn-Fahrgäste am Zoologischen Garten gestern noch nichts von der geplanten Einstellung auf der zentralen Ost-West-Strecke gehört hatten.

Kaum ein Wunder, denn weder im DB-Infocenter noch auf den S-Bahnsteigen gibt es konkrete Informationen darüber. Die Fahrplangrafiken zeigen entweder den alten Status quo bis 12. Dezember – ganz ohne Einschränkungen – oder Pläne, die so unübersichtlich aufgebaut sind, dass sie kaum interpretierbar sind. Erst recht nicht, wenn man des Deutschen nicht mächtig ist. Viele Touristen, die hier wie auf vielen anderen Bahnsteigen in der Stadt den Faltplan vom S- und U-Bahnnetz studieren, blättern ahnungslos in ihren Reiseführern. „Welche Bahnen fahren nicht?“ fragen deshalb auch Angelica Göthe und Carina Nilsson auf Englisch ganz überrascht. Dabei haben die beiden jungen Schwedinnen noch Glück: ihr Quartier liegt zentral und nicht in Spandau, Hohenschönhausen, Strausberg oder Grunewald, wo Teile der S-Bahnstrecken ebenfalls für zweieinhalb Wochen komplett gesperrt sind und der Weg zur nächsten U-Bahn-Station meist sehr weit ist – auch mit dem Rad.

Aus Marzahn kommt Silvia Papke. Seit einigen Jahren fährt die Rentnerin mehrmals die Woche nach Charlottenburg, um dort eine 94-jährige Bekannte zu pflegen. „Ich kann bei meiner Strecke zum Glück teilweise auf BVG-Busse und die U-Bahn ausweichen. Im Ganzen bin ich dann aber täglich vier Stunden unterwegs“, sagt die 65-Jährige. Trotzdem: Weiter pflegen will sie dennoch. „Meine Freundin wartet schließlich auf mich.“ Auch Michael Gries hat keine Wahl. Der 22-jährige Maler arbeitet auf zwei Baustellen in Zehlendorf und Hellersdorf, ein Auto hat er nicht. Seine genaue Fahrstrecke ab Montag hat er sich noch nicht überlegt. Nur eins sei wohl klar, meint Gries: „Es dauert noch länger als gewöhnlich.“


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