S-Bahn-Chaos : Mal sehen, was noch fährt

Chaostage für die Fahrgäste: Ab Montag reduziert die S-Bahn ihr Angebot weiter. Dafür springt nun die BVG ein und lässt mehr Bahnen und Busse fahren. Die Kritik an den Sparvorgaben des Bahn-Vorstands geht weiter – aber der Konzern möchte keine der geschlossenen Werkstätten wieder öffnen.

Klaus Kurpjuweit
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Unter Beobachtung. Die S-Bahn fällt vielfach aus, auf einigen Strecken rollen andere Züge, die BVG springt ein. Also: Augen auf...

Alle wollen der S-Bahn heute helfen: Die BVG setzt mehr Bahnen und Busse ein, private Eisenbahnunternehmen lassen zusätzliche Züge fahren und der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) lockert die Tarifbestimmungen. So sollen die Fahrgäste, wenn auch auf Umwegen, an ihr Ziel kommen, obwohl die S-Bahn ihr Angebot weiter reduziert und auf mehreren Strecken gar nicht mehr fährt. So wird auch die Hauptachse im Netz, die Ost-West-Stadtbahn, für wahrscheinlich zweieinhalb Wochen zwischen Ostbahnhof und Zoo ohne S-Bahn bleiben.

Nur rund ein gutes Viertel der Wagen ist von heute an noch einsetzbar; der größte Teil der Fahrzeugflotte muss nach Vorgaben des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) vorübergehend aus dem Betrieb genommen werden, bis die vorgeschriebenen Sicherheitskontrollen an den Rädern und Achsen erfolgt sind.

Schnell reagiert hat dagegen die BVG. Sie nimmt den Ferienfahrplan mit seinen Einschränkungen weitgehend zurück und lässt von heute an mehr Bahnen und Busse fahren. „Trotz der Ferienzeit ziehen hier die Mitarbeiter mit“, sagte Sprecherin Petra Reetz. Sie seien bereit, länger zu arbeiten, und hätten zum Teil ihren Urlaub verschoben. Gerade in Krisen funktioniere die BVG besonders gut. So seien auch Pläne entwickelt worden, wie bei Bedarf das Angebot weiter erhöht werden könne. Allein bei der U-Bahn stünden 15 Züge für einen schnellen Einsatz bereit.

In den Werkstätten sei auch am Wochenende gearbeitet worden, sagte S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz. Drei Schichten seien inzwischen dort die Regel. Mitarbeiter machen Überstunden und verzichten auf freie Tage. Trotzdem wird es mindestens noch bis Dezember dauern, ehe die S-Bahn zum normalen Angebot zurückkehren kann. Die Beschäftigten müssten jetzt die „gravierenden Managementfehler ausbaden“, erklärte der Chef der Gewerkschaft Transnet, Reiner Bieck. Nach wie vor will aber auch die neue Geschäftsführung keine der geschlossenen Werkstätten wieder in Betrieb nehmen. Die gegenwärtigen Probleme ließen sich damit nicht beseitigen, sagen der neue Chef Peter Buchner und sein Vorgesetzter im Konzernvorstand, Ulrich Homburg, der für den Personenverkehr zuständig ist.

Der Betriebsratschef Heiner Wegner ist dagegen überzeugt, dass die S-Bahn ihre Werkstattkapazitäten auf Dauer zu sehr reduziert hat. Unterlassene Wartung habe bereits im Januar mit seinen eisigen Temperaturen zu einem Fast-Zusammenbruch des Betriebs geführt. Weil massenhaft sicherheitsrelevante Teile eingefroren waren, fiel ein großer Teil der Züge aus oder verspätete sich.

Auch der Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), Hans-Werner Franz, wirft dem Bahnkonzern vor, das System Eisenbahn bis heute nicht verstanden zu haben. Es müsse regelmäßig gepflegt und gewartet werden, damit es funktioniere. In der Tat sei aber die Qualität der S-Bahn seit zwei Jahren kontinuierlich abgesackt, was auch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer und Brandenburgs Infrastrukturminister Reinhold Dellmann (beide SPD) bestätigten. Die Bahn versuche aber immer noch, die Probleme mit den Rädern zum Ausnahmefall zu machen, kritisierte Franz.

Nach dem Bruch eines Rades am 1. Mai in Kaulsdorf, der einen Zug entgleisen lassen hatte, war festgestellt worden, dass die Räder schneller verschleißen, als geplant war. Verstärkte Sicherheitskontrollen, wie sie versprochen worden waren, hatte die S-Bahn dann mehrfach nicht eingehalten.

Werkstätten zu schließen, Fahrzeuge zu verschrotten und sich von Mitarbeitern zu trennen, war der S-Bahn von der Konzernspitze vorgeschrieben worden. In der mittelfristigen Finanzplanung war der S-Bahn ursprünglich für 2010 vorgegeben, im nächsten Jahr einen Gewinn in Höhe von 125,1 Millionen Euro einzufahren und an den Konzern abzuführen.

VBB-Chef Franz bedauert, dass die Bahn nicht bereit ist, in Fernzügen Tickets des Nahverkehrs anzuerkennen, und es auch weiter ablehnt, Fernzüge im Bahnhof Zoo halten zu lassen, was vielen Fahrgästen zusätzliche Fahrten ersparen würde.

Da die S-Bahn wegen der vielen Ausfälle weniger Triebfahrzeugführer einsetzen kann, sollen diese – freiwillig – andere Aufgaben übernehmen und unter anderem auf Bahnhöfen Auskünfte geben, sagte Priegnitz. Vor allem Touristen werden sich nur schwer zurechtfinden und Informationen benötigen, ist VBB-Chef Franz überzeugt. Der Fahrgastverband Igeb hält auch das Ersatzangebot vor allem auf der Stadtbahn für unzureichend und rät, die S-Bahn jetzt zu meiden.

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