S-Bahn : Durch das Kindl-Stübchen direkt zum Bahnsteig

Auf Tour entlang der ehemaligen S-Bahnstrecke nach Spandau - die stillgelegte Anlage soll entwidmet werden.

Klaus Kurpjuweit
S-Bahn
Spurensuche. Eisenbahnfreunde finden fast überall einen Weg. -Foto: Kurpjuweit

Auf den Zugangstreppen liegen herausgebrochene Steine, im Bahnsteig sind Löcher, durch die man die darunterliegende Straße sieht, daneben wachsen aus Rissen im Beton Sträucher und Bäumchen, Das Bahnsteigdach ist morsch, die Träger verrostet, die Gleise sind ein einziges Dickicht – und trotzdem sind alle begeistert. So haben sie die Siemensbahn schließlich noch nie gesehen. Die 3,2 Kilometer lange Strecke zwischen Jungfernheide und Gartenfeld ist seit 1980 stillgelegt und vergammelt seither. Jetzt will die Bahn die weitgehend auf Brücken und Viadukten verlaufende Anlage entwidmen lassen und damit als Bahngelände aufgeben.

Manfred Raschdorf ist dort regelmäßig gefahren – als Triebfahrzeugführer bei der S-Bahn. Er kann sich gut erinnern: 1957 war er das erste Mal auf diesem Abschnitt unterwegs, auf dem er dann 13 Jahre lang Züge gesteuert hat. Jetzt ist er zum ersten Mal wieder dort – zusammen mit mehr als 50 Eisenbahnfans, um zu sehen, was von der 1928 auf Wunsch – und Kosten – von Siemens gebauten Bahn übrig geblieben ist. Organisiert hat die Tour der Verkehrspolitische Informationsverein (Viv), dessen Vorsitzender der ehemalige verkehrspolitische Sprecher der CDU, Alexander Kaczmarek, ist. Dabei sein durfte jeder, der fünf Euro gezahlt und schriftlich erklärt hat, dass er bei einem Unfall den Veranstalter nicht zur Kasse bitten werde.

Die Vorsicht ist angebracht: Die Treppe zum Bahnsteig im ehemaligen Bahnhof Wernerwerk liegt im Stockdunkeln, auf den Stufen Geröll und Schutt. Der Bahnmitarbeiter hat Mühe, die Tür zum Bahnsteig aufzuschließen. Nur selten dreht sich dort ein Schlüssel. Einfacher ist es an der nächsten Station Siemensstadt. Dort führt der Weg durch die „Kindl-Stübchen“. Auf den Treppen liegt noch mehr Schutt als am Wernerwerk. Am Endbahnhof Gartenfeld liegen dafür nicht einmal mehr Gleise unter dem Stellwerk. Vor zwei Jahren haben Diebe die Schienen gestohlen.

Befahren hätte man sie ohnehin nicht mehr können. Sollten hier eines fernen Tages doch wieder Züge rollen, müsste die gesamte Anlage wohl neu gebaut werden. Ausgeschlossen ist es nicht. Der Senat hat dem Entwidmungswunsch der Bahn widersprochen. Er will die Trasse als Bahngelände erhalten. Sie könnte irgendwann zur Wasserstadt oder auch zum Flughafengelände in Tegel verlängert werden. Den Fans würde auch dies gefallen. Klaus Kurpjuweit

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