Berlin : S-Bahn prallt auf haltenden Zug: 13 Verletzte

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Von Jörn Hasselmann

Beim Zusammenstoß zweier S-Bahnen sind am Freitagmittag 13 Menschen leicht verletzt worden; sechs wurden von der Feuerwehr ins Krankenhaus gebracht, sieben wurden ambulant versorgt. Im Bahnhof Hackescher Markt war ein Zug in Richtung Potsdam auf einen noch am Bahnsteig haltenden Zug aufgefahren. Zur Ursache des Unglücks gab es gestern noch keine Aussagen, sowohl technisches wie auch menschliches Versagen komme in Betracht, sagte Feuerwehrchef Albrecht Broemme am Unfallort.

Der Fahrer des Unglückszuges konnte noch nicht befragt werden, er erlitt einen Schock und war nicht ansprechbar. Die Verletzten zogen sich überwiegend Schnittverletzungen zu, eine Person brach sich den Arm, einige erlitten Schleudertraumata. Mit welchem Tempo der Zug auffuhr, blieb unklar, schnell genug jedoch, dass die Fahrgäste in beiden Zügen herumgeschleudert und zu Boden geworfen wurden. Die beiden Züge waren mit etwa 550 Personen besetzt.

Die Feuerwehr rückte auf die Alarmierung „Unfall S-Bahn“ mit einem Großaufgebot und schwerem technischen Gerät zum Hackeschen Markt aus. Die Sanitäter versorgten die Opfer zunächst auf dem Bahnsteig, danach wurden sie in Krankenhäuser gebracht; noch eine halbe Stunde später wurden unter Schock stehende Fahrgäste zu Rettungswagen geführt. Erschwert wurde der Einsatz durch die engen Straßen und die eingezäunten Straßenbahntrassen, die die historische Station quasi umzingeln.

Der Zusammenstoß geschah um 13.30 Uhr unmittelbar neben dem Kilometerstein 2,8, also direkt vor der Bahnhofshalle – bei bester Sicht und guten Wetterbedingungen. Vom Vorplatz des Bahnhofs aus betrachtet wirkten die beiden Züge auf die vielen Schaulustigen wie regulär zusammengekoppelt – nur die zwei Dutzend Feuerwehrautos passten nicht ins gewohnte Bild. Die Waggons waren nicht aus den Schienen gesprungen. Dass die Frontscheibe an der Zugspitze gesprungen war und in den Waggons diverse Abteiltrennwände aus Glas zersplittert waren, sahen nur die Helfer und Ermittler auf dem Bahnsteig.

Die Mehrzahl der Verletzten hatte sich an diesen Glastrennwänden geschnitten, obwohl es sich um Sicherheitsglas handelte. Dass es bei einem Aufprall zerspringe und in winzige Teile zerkrümelt sei Vorschrift, erklärte Landesbranddirektor Broemme. Schnittverletzungen seien da leider unvermeidlich. Doch Scheiben aus Panzerglas würden schwerste Verletzungen hervorrufen, wenn eine Person mit Wucht dagegenstürze. Der Feuerwehrchef hatte gerade eine Rede bei der Jubiläumsfeier zum 50. Bestehen der Johanniter-Unfallhilfe im Berliner Dom gehalten und konnte zu Fuß zum Einsatzort eilen.

Beide Unfallzüge gehören zur modernsten Baureihe 481 der Berliner S-Bahn. Die Züge wurden im August 1999 und Juni 2000 in Dienst gestellt. Der Sachschaden sei gering, sagte S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz. Gegen 16 Uhr fuhren beide 8–Wagen-Züge mit eigener Kraft zur weiteren Untersuchung ins Depot. Der auffahrende Zug hätte nach den Sicherheitsregeln nicht in den Bahnhof einfahren dürfen, da dort schon ein Zug stand. Wieso er die beiden Signale mit den Nummern 79 und 75, die etwa 20 Meter und 200 Meter vor dem Bahnhof stehen, überfuhr, blieb gestern ungeklärt – auch ob die Lichtsignale Rot oder Grün zeigten. Nach dem Unfall standen diese beiden Signale auf Rot – zumindest diese Farbe funktionierte also. Theoretisch wird ein Zug, der ein rotes Signal überfährt, zwangsgebremst. Feuerwehrchef Broemme sagte, dass sowohl eine Signalstörung als auch ein Fahrfehler in Betracht komme – der Triebfahrzeugführer also schlicht zu schnell gefahren sei.

Nach Angaben von BGS-Sprecher Michael Bayer werden die Ermittlungen des Bundesgrenzschutzes und des Eisenbahnbundesamtes bis zu drei Wochen dauern. Beim letzten derartigen Unglück, einem sehr ähnlichen Auffahrunfall am Bahnhof Ostkreuz im Oktober 2001 hatte die S-Bahn allerdings schon am übernächsten Tag die Ursache bekannt gegeben: Damals war der Triebfahrzeugführer zu schnell in den Bahnhof eingefahren.

Unter den Touristen und Berlinern, die wie an jedem schönen Tag zu hunderten die Straßencafés am Hackeschen Markt bevölkerten, war der Unfall das Hauptthema. Ragnar Vagmornasson erlebte das Unglück in einer Kneipe im Bahnhof. „Weit lauter als normal“ sei das Bremsen des Zuges gewesen, erzählt der schottische Tourist, danach klirrte Glas – und dann sei Ruhe gewesen. „Niemand schrie, totale Stille, in den Waggons alles voll Glas, alle Lichter waren aus“, schildert der Schotte das Erlebte. Mit anderen Zeugen rannte Vagmornasson auf den Bahnsteig, um zu helfen. Schnell sei jedoch die Feuerwehr da gewesen.

Der Verkehr auf der Stadtbahn war zwischen Friedrichstraße und Alex eine Stunde unterbrochen, danach fuhren die Züge bis 16 Uhr abwechselnd in beide Richtungen über das freie Gleis, hielten aber nicht am Hackeschen Markt. BGS-Beamte schickten Ortsunkundige mit dem Satz „immer am Viadukt langgehen“ die 900 Meter zum U-Bahnhof Alexanderplatz.

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