Berlin : Saberschinsky-Nachfolge: An der Polizeibasis spurlos vorbei

Otto Diederichs

Gerd Neubeck gilt als der wahrscheinlichste Nachfolger von Polizeipräsident Hagen Saberschinsky, dessen Amtszeit Ende Oktober endet. Seit einem Jahr ist er bereits Saberschinskys Stellvertreter, doch in der Berliner Öffentlichkeit kennt ihn praktisch niemand. Wer also ist der Mann, der im Herbst vermutlich an die Spitze der Berliner Polizei treten wird? Er sei "nett und freundlich, menschlich einfühlsam und interessiert" wird von ihm gesagt. Seit Gerd Neubeck im März letzten Jahres das Amt des Polizeivizepräsidenten in Berlin antrat, hat sich an diesen positiven Attributen nichts geändert.

Darüber hinaus jedoch ist das Bild der Berliner Polizeibeamten von ihrem Vize einem schnellen Wechsel unterworfen. Gleich mehrmals hat es sich in dem zurück liegenden Jahr radikal geändert. Noch bevor der Oberstaatsanwalt aus Nürnberg in Berlin ankam, waren auf den Fluren der Polizeidienststellen die ersten Meinungen über ihn fertig. Seit Juli 1998 war das Amt des Polizei-Vize verwaist, zwei Versuche es neu zu besetzen, waren mangels geeigneter Bewerber gescheitert. Vor diesem Hintergrund galt der neue Mann für den Sessel im Präsidium entweder als Verlegenheitskandidat oder als strammer "Werthebach-Mann". Die Gewerkschaft der Polizei hielt ihn für schlicht überflüssig. Dass die Stelle so lange frei gewesen sei, habe in der Stadt schließlich niemand gemerkt, hieß es - eine Meinung, die auch von Innenpolitikern im Abgeordnetenhaus geteilt wurde. Zudem bezweifelten viele Polizisten, dass der Oberstaatsanwalt aus dem Fränkischen, dem vorher etwa 35 Mitarbeiter unterstanden hatten, überhaupt in der Lage sein könnte, eine Großstadtpolizei zu leiten.

Schon nach wenigen Wochen war von solchen Unkenrufen nichts mehr zu hören. Schutz- und Kriminalpolizei, traditionell zerstritten, waren sich erstaunlich einig in der Feststellung, der Neue sei "modern, offen und kommunikativ nach allen Seiten". Er galt als unverbraucht und damit als genau der Richtige, den ungeliebten Präsidenten Saberschinsky abzulösen. Fast über Nacht war Neubeck für die rund 28 000 Mitarbeiter zählende Behörde zum Hoffnungsträger geworden.

Seit einem halben Jahr ist dies anders: An der Basis, sagt ein Beamter, "ist er spurlos vorbei gegangen". Dort weiß heute so mancher mit dem Namen Gerd Neubeck nichts anzufangen, doch das war bei seinem Amtsvorgänger Dieter Schenk nicht viel anders. Für die Mehrzahl der Beamten im Basisdienst ist der Polizeivizepräsident nur ein hoch dotierter, aber überflüssiger Posten. Einige Dienstränge höher klingt es ähnlich. "Herr Neubeck ist in der Behörde untergegangen", heisst es dort. Er habe es versäumt, "Führungsqualitäten deutlich zu machen und Impulse zu setzen". Statt dessen habe er sich in der Verwaltungsreform verschlissen und sei wie Saberschinsky sein "eigener Sachbearbeiter" geworden.

Die Umsetzung der Verwaltungsreform, die aus der verknöcherten Berliner Polizei ein modernes Dienstleistungsunternehmen machen soll, ist die zentrale Aufgabe von Gerd Neubeck. Anfang April stellte er die vollzogenen und die geplanten Reformschritte im Verwaltungsreformausschuss des Abgeordnetenhauses vor und erhielt für diese Arbeit großes Lob. Innerhalb der Polizei allerdings gelten sie als "bloße Luftnummern". Von der angekündigten Transparenz der Behördenabläufe sei nichts zu merken, heißt es quer durch alle Reihen. "Der Mann ist nett und umgänglich, doch er könnte schon seit 30 Jahren in der Berliner Polizei sein", sagt ein Beamter. Wer die Berliner Polizei kennt, weiss dass dies kein Kompliment ist.

Vereinzelt gibt es aber auch andere Stimmen. Demzufolge verschafft sich Neubeck derzeit einen möglichst detaillierten Überblick der Berliner Polizei, ihre unterschiedlichen Seilschaften und diversen Interessengeflechte. Die Verwaltungsreform gilt als das richtige Mittel, um diskret in alle Bereiche zu blicken. "Verglichen mit dem, was vorher gelaufen ist", heißt es, "hat er die Reform schon flott voran gebracht". So ganz hat Gerd Neubeck seinen anfänglichen Glanz offenbar doch nicht verloren. "Wenn der erst im Amt ist", sagt jemand, "wird sich mancher noch umgucken".

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