Berlin : Sabine Schmidt (Geb. 1956)

Sie liebte ihre Arbeit, und sie war beliebt. Nur taktieren konnte sie nicht

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Seit den Tagen der Steinzeit erkennen Schüler auf den ersten Blick, ob ein Lehrer in der freien Wildbahn namens „Schule“ überlebt oder nicht. Manche, die vor die Klasse treten, brauchen die Keule als Stütze ihrer Autorität, andere duzen, noch bevor sie gesiezt werden, und die besten, die machen einfach guten Unterricht. Wenn Sabine Schmidt in die Klasse kam, dann immer mit der klaren Ansage: „Ich bin Lehrer, ihr seid Schüler, wir sind keine Freunde, aber wir können dennoch Spaß miteinander haben.“ Schüler wollen Klartext. Sabine Schmidt hat Klartext geredet. Obwohl ihre Schüler nicht die bravsten waren. Sie unterrichtete an Berufschulen. Als gelernte Lebensmittelchemikerin hatte sie es mit Bäcker- und Metzgerlehrlingen zu tun, Jungs, die nur darauf warteten, die Sau rauszulassen.

Sabine Schmidt verstand was von Fußball, kloppte Skat und war trinkfest. Jeden dummen Spruch wusste sie mit einem witzigen zu toppen, aber vor allem ließ sie ihre Schüler spüren, dass es ihr um deren Fortkommen ging und nicht um ihr eigenes. Und um den Spaß an der Sache. „Eine Stunde ist nicht gelungen, wenn nicht einmal gelacht wurde.“

Gute Schule ist einfach: mit guten Lehrern. Warum die Schule dennoch immer wieder reformiert wird, obwohl genau das die guten Lehrer verschleißt, weiß keiner so genau. Nach Maßgabe der Zahl der Strukturierungs- und Restrukturierungsmaßnahmen müsste Deutschland die besten Schüler der Welt haben. Haben wir aber nicht. Was nicht an den Schülern liegt, die haben nur für die Fehler der Reformer zu büßen.

Sabine Schmidt machte Karriere in der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, ihr Referat waren die beruflichen und zentralverwalteten Schulen. Sie liebte ihre Arbeit, und sie war beliebt. Nur taktieren konnte sie nicht. Verwaltungen neigen zur Verwaltung des eigenen Verwaltens, was den Dienst an der Sache oft in den Hintergrund drängt. Für eine Pragmatikerin wie Sabine Schmidt war das schwer zu ertragen, auch wenn sie gern über Eck gedacht hat – aber das galt nur für Kreuzworträtsel. Sie war ein fröhlicher und offener Mensch, der strammen Schritts auf andere zuging: „Wo kommen Sie her, was machen Sie?“ Die Kontaktfreudigkeit diente ihr nicht selten als Ausweichmanöver, denn über ihre innersten Gefühle ließ sie nur wenig nach außen dringen.

Sie reiste gern, und wo immer sie war, schickte sie ein Foto von Paule, nein, nicht ihrem Freund, ihrem Erdmännchen, das sie als treues Maskottchen überallhin begleitete, auch ins Hospiz.

Die Familie ihres Bruders war ihr Ersatz für die eigene Familie. Sie liebte ihre Nichten über alles, verbrachte Weihnachten mit ihrer Mutter und nach den Festtagen ging es auf Golfreise. Sie legte Wert auf ein sportlich-adrettes Äußeres, Polohemd mit Perlenkette. Golf war ihre Leidenschaft, weil es ein Sport ist, in dem ein Handicap nicht zur Benachteiligung führt, sondern zum Wettbewerb auf Augenhöhe. Im Golf zählt Fairness, es herrschen Etikette, klar formulierte Umgangsformen, keiner spielt sich gegenüber dem anderen als der Stärkere auf. In Verwaltungen gibt es dergleichen nicht.

Ja, sie war ehrgeizig – in der Sache, andere sind es im Ranking oder den Ränkespielen. „Karriere kostet Opfer“, bilanzierte sie gegenüber einer Freundin, „je höher du kommst, desto einsamer wirst du.“

Damit das nicht so bleibt, gründete sie eine Initiative, die Kolleginnen und Kollegen fördern sollte, Führungspositionen einzunehmen. Ihre eigene Position allerdings wurde zur Disposition gestellt. Das letzte Jahr, als sie die Leitung des Referates abgegeben hatte und zurück ins zweite Glied musste, kostete sie viel Kraft. Sie klagte über Unwohlsein, Übelkeit, niemand hätte sich über ein Magengeschwür gewundert.

„Diagnose Tumor Leber und Lunge, schöne Scheiße“, simste sie. „Bleibt tough“, forderte sie von ihren Freunden, die sie im Hospiz besuchten. Sie konnte die verheulten Gesichter nicht ertragen. „Heulen könnt ihr, wenn ihr rausgeht.“ Auf der Beerdigung waren viele, sehr viele Menschen, darunter auch jene, die ihr das Berufsleben in den letzten Jahren so schwer gemacht hatten.

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