Berlin : Sachsen in der Hauptstadt

Hermann RudolphD

Inzwischen geht es den Vertretungen der Bundesländer in Berlin wie den anderen Bestandteilen der Hauptstadt: Man hat den Eindruck, sie seien schon immer da gewesen. Dabei ist es noch nicht einmal zehn Jahre her, dass sie hier einzogen. Doch schon haben diese Einrichtungen, die so etwas wie Botschaften der Länder beim Bund darstellen, ihre Geschichte. Einer hat sie für die sächsische Landesvertretung jetzt aufgeschrieben: Fred J. Heidemann, ihr langjähriger Leiter, dazu über viele Jahre auch der Bevollmächtigte Sachsens beim Bund. Und er leistet mit dem schmalen Buch durchaus einen Beitrag zum neuen Regierungsstandort.

Der besteht nicht zuletzt darin, dass Heidemann den Blick auf die Traditionen lenkt, die die Ländervertretungen im Bundesstaat haben. Die des heutigen Freistaats geht zurück auf die sächsischen Gesandtschaften beim Reich, bis zum Regensburger Reichstag im 17. und 18. Jahrhundert. Der Autor ist auch dem Weg ihrer Standorte gefolgt. Bis nach Berlin: in der Reichshauptstadt , im Kaiserreich und der Weimarer Republik, residierte Sachsen vornehm in der Voßstraße 19, Nachbarn waren Bayern und Württemberg. Im „Dritten Reich“, in dem die Länder ohnehin so gleichgeschaltet wurden, dass nicht mehr viel zu vertreten war, musste es allerdings den schönen Standort nahe dem Regierungsviertel dem Größenwahn der neuen Reichskanzlei opfern.

Vor dem Einzug in die jetzige Vertretung – einem vorzüglich restaurierten Gründerzeitgebäude im Kern des alten Berlin, in der Brüderstraße 11 neben dem Nicolaihaus – stand eine kleine Platzsuche-Odyssee. Zeitgemäß spiegeln sich darin die Probleme des Streits um den Bonn-Berlin-Umzug und der neuen Bundesländer. Erst ein Bonner Zwischenakt, ausgerechnet in der ehemaligen DDR-Vertretung in Bonn. Dann langwierige Verhandlungen, bis die Länder ihren Platz in Berlin (wieder-)gefunden hatten. Seitdem hat Sachsen seinen Anteil am bundesstaatlichen Politik-Betrieb, dem Heidemann in seinem Buch ein kenntnisreiches Kapitel widmet.

Herausgegeben hat es die sächsische Landeszentrale für politische Bildung. Politische Bildung fällt bei dem Buch tatsächlich ab. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass die neuen Länder ziemlich alte Länder sind. Und eine Ahnung der historisch-föderalen Dimension, die auch zum Hinter- und Untergrund der Hauptstadt Berlin gehört. Hermann Rudolph

— Fred J. Heidemann: Sachsens Vertretungen. Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden. 197 Seiten, gratis zu beziehen über die Landeszentrale, Telefon 0351- 85318-0.

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