Sacrow : Ein Besuch in der Heilandskirche an der Havel

Sacrows Heilandskirche lag im Todesstreifen, war zerstört. Spenden halfen, sie zu restaurieren. Heute ist sie ein viel geliebtes Ziel.

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Die Sacrower Heilandskirche in Brandenburg.
Die Sacrower Heilandskirche in Brandenburg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nicht mal im Winter verliert dieser Ort seinen Charme. Von der Heilandskirche in Sacrow sieht man auf die Havel, auf die Glienicker Brücke, die Berlin mit Potsdam verbindet, auf die Villen der Berliner Vorstadt in Potsdam, in einen grauen oder blauen Himmel, und jedes Mal ist man wieder neu verzaubert von der Anmut dieser Landschaft. Weihnachten gibt es noch einen Grund, die Kirche zu feiern: Seit 25 Jahren, seit dem Mauerfall-Weihnachtsfest 1989, werden hier wieder Gottesdienste abgehalten.

Es hätte ganz anders kommen können mit dem Gotteshaus am Sacrower Hafen, eine Bucht am Übergang der Havel in den Jungfernsee. Schließlich stand die Kirche zu Teilungszeiten im Sperrgebiet. Sacrow war jetzt ein Wohnort, den man nur mit Passierschein erreichte. Bis Weihnachten 1961 wurden in der Kirche noch Messen gelesen. Die Grenztruppen aber nahmen das Gelände in Beschlag – zu leicht hätte man von diesem Ufer der Havel aus der gerade abgeriegelten DDR fliehen können. Der frei stehende Glockenturm wurde sogar zum Bestandteil der Grenzbefestigungen – Mauerteile fassten ihn an zwei Seiten ein. Nach Weihnachten zerstörten Randalierer oder Angehörige der Grenztruppen das Kircheninnere, Bänke und Altar, so dass Gottesdienste nicht mehr möglich waren.

Kirche ist im guten Zustand

Das Dach undicht, das Mauerwerk feucht – die Kirche verfiel. Mitte der achtziger Jahre galt sie als Ruine, was man in West-Berlin bemerkte. Der Herausgeber des Tagesspiegels, Franz Karl Maier, und Richard von Weizsäcker, damals Regierender Bürgermeister, taten sich zusammen. Die gemeinnützige Tagesspiegel-Stiftung und der Senat gaben je 500.000 Mark, und Weizsäcker leitete das Geld an den Vertreter des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR weiter – an Manfred Stolpe. So hat es Weizsäcker im Sommer 2007 dem Herausgeber der F.A.Z., Frank Schirrmacher erzählt, bei einem Interview im Schlosspark von Sacrow. Sieben Jahre später, im September dieses Jahres, fand der Gedenkgottesdienst für Schirrmacher in der Heilandskirche statt.

Als „architektonisches Juwel“ hatte Schirrmacher die Heilandskirche beschrieben. Heute ist das von dem preußischen Architekten Ludwig Persius entworfene Gotteshaus in einem guten Zustand, bloß am Dach wird mal wieder gearbeitet. Die Fassade aus gelbem Backstein, durchbrochen von einer Reihe aus blauen Kacheln, strahlt auch im Winter Wärme aus und ein wenig südliche Helligkeit. Etwas in dieser Richtung muss der preußische König Friedrich Wilhelm IV. im Sinn gehabt haben, als er dem Baumeister Persius eigene Skizzen mit auf den Planungsweg gab.

Backsteine mit Bleistiftinschriften

Als die Kirche im Winter 1989 wieder zugänglich war, konnte man auf den Backsteinen noch Bleistiftinschriften aus den Kriegsjahren lesen. In Sütterlinschrift hatten sich Besucher dort verewigt, hatten sich ihrer Liebe versichert – oder hatten in der Nachkriegszeit Suchmeldungen dort hinterlassen. Der Schlosspark war damals völlig zugewachsen – bis auf ein paar Hallen für die Fahrzeuge der Grenztruppen.

Kurz vor Weihnachten 1989 besuchte als Reporter dieser Zeitung Ekkehard Schwerk „das Kirchlein“, wie er schrieb, gemeinsam mit dem Pfarrer. Die Grenze und das Grenzgebiet gab es noch, aber die Grenze war keine mehr. „Es führte uns der Major der Grenztruppen, Manfred Michaelis, der hier schon 21 von 28 abgeriegelten Jahren eingesetzt ist“, schrieb Ekkehard Schwerk. Zum Kirchenbesuch gehörte auch eine Besteigung des Campanile. Die darin aufgehängte Glocke soll zuerst in der Sacrower Dorfkirche geläutet haben. „Es war ein Erlebnis, die 28 Jahre lang verstummte älteste Glocke Potsdams (1406!) hoch in ihrem stillen Turm zu berühren, ihren Klöppel anzuschlagen: hell ist ihr Klang“, so Schwerk im Tagesspiegel vom 14. Dezember 1989.

Kirche besonders beliebt bei Hochzeiten

Der Zauber des Ortes hat längst dazu geführt, dass die Heilands- zur beliebten Hochzeitskirche geworden ist. Küsterin Regina Mollenhauer bekommt Anfragen nicht allein aus Deutschland, sondern aus Europa, und nicht wenige. Sie kennt Sacrow noch aus der Teilungszeit. Ihre Eltern hatten1946 in der Heilandskirche geheiratet. Ihre Mutter habe erzählt, dass alles um die Kirche herum zerstört gewesen sei, auch die Glienicker Brücke im Hintergrund. Hinten in der Kirche hätten russische Soldaten gesessen mitsamt ihren Gewehren und seien ganz gerührt von der Musik und der Atmosphäre gewesen. 1996 hätten ihre Eltern noch Goldene Hochzeit in der Heilandskirche gefeiert.

Wer heute kirchlich heiraten wolle, der sehe sich im Internet die Kirchen an, sagt sie. Die Heilandskirche gehört zum Potsdamer Kirchenkreis mit dem langen Namen „Bornim-Bornstedt-Eiche-Golm- Grube-Pfingst-Sacrow“. Derzeit spreche sie mit Paaren und Hochzeitsagenturen über Termine in einem halben Jahr, sagt Regina Mollenhauer. 35 bis 40 Anmeldungen gebe es jetzt schon für die Frühlings- und Sommermonate. Wer im Hochzeitskleid von der Kirche aufs Wasser sieht, während das Sektglas in der Sonne funkelt, glaubt ganz fest an die Liebe fürs Leben. Wenigstens für den Moment.

Heiligabend wird in der Heilandskirche jeweils um 15 Uhr, 16.30 Uhr und 18 Uhr Christvesper gefeiert. Um 23 Uhr gibt es Orgelmusik zur Christnacht.

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