Säugling in Altkleidercontainer : Todesursache des gefundenen Babys noch unklar

Der Säugling, der am Montag aus einem Altkleidercontainer in Wilmersdorf gefunden wurde, war lebend und gesund zur Welt gekommen. Die genaue Todesursache ist noch unklar.

Jörn Hasselmann
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Beweissicherung. Die Polizei ließ den Altkleidercontainer, in dem die Babyleiche gefunden wurde, abtransportieren. Foto: ddp

BerlinIn einem Altkleidercontainer in Wilmersdorf ist am Montag ein toter Säugling gefunden worden. Ein Fahrer, der im Auftrag des Roten Kreuzes den Sammelbehälter an der Güntzelstraße leeren sollte, fand morgens um 7:12 Uhr das unbekleidete Neugeborene in einer Einkaufstüte. Er alarmierte sofort die Polizei, eine Mordkommission übernahm die Ermittlungen.

Die Obduktion ergab am Nachmittag, dass es sich bei dem Jungen um einen Säugling wahrscheinlich mitteleuropäischer Abstammung handelt, der "voll entwickelt, lebend und gesund zur Welt" gekommen ist und der mindestens ein paar Stunden gelebt haben muss. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Säugling getötet wurde, bevor er in den Container gelegt wurde. Die Todesursache ist aber noch unklar. Aus Erfahrung wissen Ermittler, dass Säuglinge meist erstickt werden – doch das ist sehr schwer nachzuweisen. Deshalb sollen nun umfangreiche chemische und toxikologische Untersuchungen folgen, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Polizei sucht Zeugen

Wie DRK-Sprecher Rüdiger Kunz sagte, wurde der Behälter am vergangenen Montag um 14.45 Uhr zuletzt geleert.  Die Kripo fragt jetzt, wem in dieser Woche in der Güntzelstraße etwas Verdächtiges aufgefallen ist und wer – vor allem im Umkreis – Frauen kennt, die schwanger waren und nun kein Kind bei sich haben.

Noch sichtlich gezeichnet vom Erlebten berichtete der Finder René G., dass er die Tüte wegen ihres hohen Gewichts noch am Container geöffnet habe. Dies sei Vorschrift, da vermieden werden soll, dass nasse Wäsche Stockflecken bekommt und dadurch wertlos wird. Doch René G. fand keine feuchte Wäsche, sondern machte eine schockierende Entdeckung: "Eine Hand und ein Teil des Köpfchens habe ich gesehen, dann habe ich sofort losgelassen." Für Sekundenbruchteile dachte der 37-Jährige an eine Puppe. "Doch für eine Puppe war der Körper viel zu blau angelaufen", sagte der Vater einer elfjährigen Tochter. Das Deutsche Rote Kreuz kündigte an, dem Mann eine psychologische Betreuung anzubieten.

Container steht jetzt bei der Spurensicherung

In den 1000 Behältern sammelt das Rote Kreuz pro Jahr etwa 4600 Tonnen Kleidung. Da die Menge per Hand sortiert wird, liegt das Entdeckungsrisiko eigentlich bei 100 Prozent, hieß es. Zudem steht der Container an der Ausfahrt eines Supermarktparkplatzes im direkten Blickfeld von Dutzenden Wohnungen des bürgerlichen Viertels. Es gibt für die Ermittler zwei Erklärungen für dies Verhalten: Entweder die Person will insgeheim entdeckt werden oder sie ist psychisch gestört.

Der DRK-Container wurde am Vormittag zur noch genaueren Spurensicherung zum Landeskriminalamt gebracht. Auf den Einsatz von Spürhunden verzichtete die Polizei, dies sei in diesem Fall sinnlos, hieß es. Im November 2006 hatten Fährtenhunde nach dem Fund eines schwer verletzten Säuglings die Ermittler vom Fundort zur nahegelegenen Wohnung der Mutter geführt. Der kleine Santino war später an den schweren Verletzungen gestorben, die Mutter wurde von einem Gericht in die Psychiatrie eingewiesen.

Die meisten Kindstötungen werden aufgeklärt

Die meisten Kindstötungen in den vergangenen Jahren wurden aufgeklärt. So hatte die Mordkommission den Fall "Bendastraße" von September 2003 erst Monate später geklärt. Eine Zeugin erinnerte sich an eine illegal in Berlin lebende Schwangere. Doch als Ende 2003 dieser Tipp kam, war Dilber R. bereits nach Bulgarien abgeschoben worden. Über einen DNA-Abgleich war sie zweifelsfrei als Mutter des Jungen festgestellt worden. Erst 2007 nach dem EU-Beitritt war die Frau nach Deutschland ausgeliefert worden. Sie erhielt vier Jahre Haft wegen Totschlags.

Ungeklärt sind seit 2002 nur zwei Fälle: 2005 war ein Säugling in einer Mahlsdorfer Müllsortieranlage gefunden worden. Und ungeklärt ist auch der spektakulärste Fall einer Kindstötung: Im Juli 2002 war in der Babyklappe des Zehlendorfer Krankenhauses Waldfriede ein mit 15 Messerstichen getöteter Säugling gefunden worden. Auch ein Massen-DNA-Test brachte kein Ergebnis.

In Berlin gibt es derzeit fünf Babyklappen, in denen Mütter Kinder anonym abgeben können. Kritiker dieser umstrittenen Einrichtungen sagen, dass in Berlin die Zahl der Kindstötungen dennoch nicht abgenommen habe.

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