Säuglingsmord : Für ein Grab ohne Namen

Gestern wurde das Baby beerdigt, das Spaziergänger in der Nähe des Müggelturms in Köpenick fanden. Die Polizei tappt bei der Suche nach den Eltern weiterhin im Dunkeln. Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen handelt es sich offenbar um Asiaten.

Sandra Dassler

KöpenickDie Kindergräber des Laurentiuskirchhofs in Köpenick liegen nur ein paar Schritte von der Kapelle entfernt. „Unsere kleine Prinzessin“ steht auf einem Stein. Das Mädchen, das an diesem Freitagmorgen bei strömendem Regen gleich daneben beerdigt wird, hat wohl nie jemand „kleine Prinzessin“ genannt. Es wurde sofort nach der Geburt getötet.

Ralf Musold kämpft mit den Tränen, als der kleine weiße Sarg in die Erde gesenkt wird. Der Pfarrer der Evangelischen St.-Laurentius-Gemeinde hat schon manches Mal unbekannte Tote namenlos beerdigen müssen. Aber noch nie ein Kind.

Für die Polizei und die Presse hat das kleine Mädchen einen Namen: Das „Rucksackbaby“ wurde am vergangenen Sonntag in der Nähe des Müggelturms gefunden. Die beiden Spaziergänger müssen einen furchtbaren Schock erlitten haben, als sie den neben einem Müllhaufen liegenden schwarzen Rucksack mit der Aufschrift „paradox“ öffneten. Seitdem hängt das Foto des Rucksacks an vielen Geschäften und Hauseingängen. „Säuglingsmord in Treptow-Köpenick“ steht darüber und „Die Polizei bittet um Mithilfe“.

Pfarrer Musold hat in den vergangenen Tagen viel Betroffenheit erlebt. „Dass es hier bei uns passiert ist, macht die Leute so fertig“, sagt er. Hier in Köpenick, wo es grün und ein wenig kleinstädtisch ist und wo viele vor einem Ausflug zum mehr als 20 Kilometer entfernten Ku’damm immer noch sagen: Wir fahren nach Berlin.

Dort wo das tote Baby gefunden wurde, geht das bürgerliche Köpenick am Abend joggen und am Wochenende spazieren. Das nicht so bürgerliche Köpenick wohnt im „Allende-Viertel“, einer der frühen und inzwischen modernisierten DDR-Plattenbausiedlungen. In den wegen ihrer Nähe zum Müggelsee einst begehrten Wohnungen leben jetzt vor allem Alte, sozial Schwache und Russlanddeutsche. Auch Vietnamesen, unter denen viele die Mutter des toten Säuglings vermuten, seit die Polizei gestern meldete, dass das Kind asiatische Eltern hat.

Christine Priepke, die Inhaberin des gleichnamigen Bestattungsinstituts, hat dem kleinen Mädchen einen rosa Strampler angezogen, bevor sie es in den weißen Sarg bettete. „So ein nicht gelebtes Leben geht einem schon nahe“, sagt sie. Das treibt auch viele Polizisten um. „Ein Neugeborenes auf dem Obduktionstisch tut immer besonders weh“, gibt ein Mitarbeiter der Mordkommission zu.

„Ich bin froh, dass der Pfarrer für ein würdevolles Begräbnis gesorgt hat“, sagt die Amtsärztin von Treptow-Köpenick. Das Sozialamt bezahlt nur die sogenannte ordnungsbehördliche Bestattung. Das bedeutet: keine Musik, keine Rede, keine Kerzen. Die Kirchgemeinde hat diese Kosten übernommen. „Unser namenloses Findelkind soll wenigstens in Würde von dieser Welt verabschiedet werden“, sagt Ralf Musold und hält eine ergreifende Predigt.

Die etwa 20 Trauergäste – meist ältere Frauen – sind dem Pfarrer dankbar dafür. Alle haben Rosen dabei, jemand legt ein Plüschtier ins offene Grab. Eine junge Frau schluchzt. Sie hat ihr Erstgeborenes durch plötzlichen Kindstod verloren und wird die unbekannte Mutter nie verstehen. „Es gibt doch Babyklappen“, sagt sie.

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