Saisonbeginn : Und es war Frühling

Der Winter dauert auch im Frühjahr an: Bauarbeiter sind arbeitslos, Obsttriebe erfrieren. Trotz der eisigen Temperaturen eröffnen Gastwirte zu Ostern die Sommersaison. Erfahrene Beobachter meinen sogar die ersten Frühjahrsapostel zu erkennen.

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Das Märzwetter lädt noch nicht auf einen Kaffee unter freiem Himmel ein. Am Gendarmenmarkt in Berlin Mitte bleiben die Stühle besetzt - von Schnee und Eis.
Das Märzwetter lädt noch nicht auf einen Kaffee unter freiem Himmel ein. Am Gendarmenmarkt in Berlin Mitte bleiben die Stühle...Foto: dpa

Nein, es ist kein prahlerischer Tonfall, den die Frau im Potsdamer Klimabüro des Deutschen Wetterdienstes anschlägt, wenn sie auf die Berliner Temperaturen von vor einem Jahr angesprochen wird. Aber ein gewisser Stolz klingt schon mit über die Spitzenwerte, die ihre Kollegen da am 27. März 2012 aus der Wetterstation am Tempelhofer Feld gezaubert haben: „17,4 Grad.“ Und heute? Weh und Ach auf ganzer Linie: „Wir haben eine Vorhersage von einem Grad plus“, ihre Stimme ein irdisch Jammertal. „Und das ist die Tageshöchsttemperatur. Furchtbar, oder?“

Solange der Frühling fehlt, fehlen auch die dazugehörigen Gefühle. So schlägt die Stunde der Zahlen. Zum Beispiel beim Verband der Berliner Bauindustrie, zuständig für etwa 150 Baufirmen in Berlin und Brandenburg: Um fast 13 Prozent sei der Umsatz im Januar gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, sagt die Verbandssprecherin. „Momentan kann nicht gebaut werden, die Baustoffe können bei diesen Temperaturen nicht verarbeitet werden.“ Wenn aber die Arbeit ruht, haben auch die Bauarbeiter nichts zu tun. Hier springt die Arbeitsagentur ein und zahlt Kurzarbeitergeld, jedoch nicht in der vollen Lohnhöhe. Und – wichtiger noch – auch nur bis maximal zum Monatsende. Am 31. März läuft das Kurzarbeitergeld aus. Spätestens dann muss es aus Sicht der mindestens 12 000 Berliner Baubeschäftigten dringend wärmer werden. Und auch Brandenburger Landwirte hätten an Tauwetter ihre Freude, noch steckt der Spargel unter geschlossenen Schneedecken fest, haben die Frostnächte Triebe von Aprikosen und Pfirsichen zerstört.

Zurück nach Berlin, zu Volker Pradel und seinem Biergarten Schleusenkrug neben dem Zoo. Wie sonst auch startet man hier in die Sommersaison mit verlängerten Öffnungszeiten, wenn die Uhr auf Sommerzeit umgestellt wird. Das gilt auch in diesem Jahr, und so beginnt die Saison am Karfreitag, „auch wenn ich nicht glaube, dass besonders viele Leute kommen“, sagt Pradel. Bis zu sechzig Menschen beschäftigt Pradel während der Hauptsaison, darunter auch viele Aushilfen. „Allerdings ist der große Schwung an Aushilfen erst im Hochsommer nötig, bis dahin reicht auch eine kleinere Besetzung“, sagt Pradel, der wegen des schlechten Wetters bisher nicht weniger Aushilfen verpflichtet hat als im letzten Jahr. Und auch wenn der März bisher eher schlecht lief: sobald die Sonne einmal scheint, kommen die Leute, „das wundert mich selber immer ein wenig“, sagt Pradel. Und wer sich bei prognostizierten Temperaturen rund um den Gefrierpunkt tatsächlich auf eine Terrasse setzen möchte, für den gibt es außerdem Sitzkissen und Decken.

Und so scheint das Entscheidende der einmal gefasste Beschluss zu sein, dass jetzt Frühling sei, unabhängig von Temperaturen oder sonstigem Firlefanz. Gregor Spielmann, Geschäftsführer des Fahrradladens „velomondo“ in Schöneberg, kennt einige dieser Kunden. „Es ist bei einigen der Wunsch nach Frühling, der sie zu uns führt“, sagt er, zwölf Jahre Geschäftserfahrung. Eine schöne Sichtweise auf die Frustrierten, die in den letzten Tagen und Wochen ihre Räder durch Schneewehen schoben: Arme Toren für Außenstehende, der Insider jedoch erkennt die Frühlingsapostel.

Und dennoch: „Etwa 80 Prozent unserer Umsätze machen wir in der Hauptsaison, und die beginnt bei etwa 15 Grad Außentemperatur“, sagt Spielmann. Und auch wenn der März, oft einer der umsatzstärksten Monate des ganzen Jahres, bisher eine einzige Enttäuschung war: „Das holen wir wieder auf. Ich glaube an die Gerechtigkeit.“ Der Radfahrer – er ist eben doch auf der Entspannungsskala der Verkehrsteilnehmer ganz weit oben. Ab Ostern kann man sein Rad immerhin schon wieder auf die BVG-Fähren rollen. Und wenn der Frühling misslingt, wird der Sommer halt gut. Oder der Herbst golden.

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