• Saisoneröffnung im Historischen Hafen Berlin : Tuuuuuuuut! - Volldampf voraus mit Schlepper Andreas

Saisoneröffnung im Historischen Hafen Berlin : Tuuuuuuuut! - Volldampf voraus mit Schlepper Andreas

Kohlenschippen und „Schornstein runter!“: Auf Spreetour mit Berlins größtem Dampfschiff, dem Schlepper Andreas vom Historischen Hafen in Mitte.

Ahoi - es geht los. Dampfer Andreas legt am Historischen Hafen in Mitte ab.
Ahoi - es geht los. Dampfer Andreas legt am Historischen Hafen in Mitte ab.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn der Käpt’n vier Mal bimmelt, legt Heizer Hartmut Lopnow los. „Volle Fahrt voraus“, tönt das Klingelzeichen tief im Schiffsbauch. Lopnow greift zur Schippe und füttert die Brennkammer unter dem riesigen 16.000-Liter-Kessel mit Lausitzer Rekord-Kohlebriketts. Glut leuchtet in der Luke, der Widerschein fällt aufs Gesicht. Schiffermütze, Hände, Stoppelbart, alles leicht berußt, Schweiß perlt. Heftig warm ist es im Kesselraum, während oben an Deck am Samstagvormittag noch Schal und Winterjacke angesagt sind.

Doch etliche Kinder und Eltern sind zum Heizer hinabgeklettert, alle gucken, einer schafft. Aber dann dürfen auch Elise (10) und und Oscar (8) Kohlen schippen. „Oscar, mach’ Dampf auf’n Kessel“, ruft sein Vater. Tuuuuuut. Berlins größtes Dampfschiff, der „Schlepper Andreas“, schiebt sich auf die Stadtspree hinaus.

Mit Schwung die Kohlenschippe in den Ofen. Die zehnjährige Elise heizt Dampfer Andreas mächtig ein.
Mit Schwung die Kohlenschippe in den Ofen. Die zehnjährige Elise heizt Dampfer Andreas mächtig ein.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Spaziergänger winken am Ufer, Anwohner am Fenster. Die „Berlin-Brandenburgische Schifffahrtsgesellschaft e.V.“ hat zum „Andampfen“ eingeladen. Damit eröffnet sie alljährlich die Saison in ihrem Historischen Hafen an der Fischerinsel in Mitte, wo schwimmende Methusalems aus den vergangenen 150 Jahren vertäut sind. Und natürlich legt dann auch „Andreas“, ihr Flaggschiff, mit Passagieren vom Kai am Märkischen Ufer ab, ein zischendes, qualmendes und ab und zu trötendes Museum auf Berlins Gewässern. Bis er allerdings derart in Schwung kommt, braucht Andreas viel Zuwendung: Schon seit Freitagfrüh wurde sein Kessel behutsam angeheizt, damit der Stahl nicht leidet.

Am Samstag führt die Tour rund um die Müggelberge. Tempo: 10 Stundenkilometer im Schnitt. Kohleverbrauch unterwegs: 1,5 Tonnen. Beim Ablegen trompeten die „Fanny Hensel“-Blechbläser Händels Wassermusik, 50 Gäste sind an Bord und lernen die Geheimnisse des dampfgetriebenen 350-PS-Kraftpakets kennen. Eindrucksvoller kann man kaum erleben, wie eine Dampfmaschine funktioniert.

Nachwuchs-Steuermann. Hier darf auch mal Oscar auf der Spree am Rad drehen.
Nachwuchs-Steuermann. Hier darf auch mal Oscar auf der Spree am Rad drehen.Foto: Rutger Bezema

Frage an Käpt’n Guido Clement: Wann lief Andreas vom Stapel? Das war in den späten 40er Jahren in Brandenburg a.d. Havel. Gut zwei Jahrzehnte schipperte er als Schlepper über die märkischen Wasserstraßen, aber 1970 wäre der 35 Meter lange Kahn beinahe zum Schrott gekommen. Doch Andreas hatte Glück. Damals brauchten die Elektro-Apparate-Werke am Rummelsburger See gerade eine neue Heizanlage, und ihre Mitarbeiter kamen zu dem Schluss, ein alter Dampfer könne gleiche Dienste tun.

Deshalb überlebte Andreas bis zur Wende am Kai des volkseigenen Betriebs. Bald darauf kaufte die Schifffahrtsgesellschaft den eisernen 220 Tonnen schweren Riesen, begann mit der Restaurierung und machte ihn technisch wieder für Rundfahrten fit. Getreu ihrem Ziel, die letzten Zeugen der großen Zeit der Fluss- und Kanalschifffahrt zu bewahren.

Schornstein runter. Vor jeder Spreebrücke muss der Schlot gekippt werden. Dann geht es knapp unter dem Viadukt hindurch.
Schornstein runter. Vor jeder Spreebrücke muss der Schlot gekippt werden. Dann geht es knapp unter dem Viadukt hindurch.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Jetzt aber muss der Käpt’n seine Crew rasch zum Einsatz rufen. „Schornstein runter!“ Die Oberbaumbrücke naht. Am Seil ziehen sie mit Hauruck den zwölf Meter hohen Schlot zum Deck. Mehr als ein Buch passt kaum zwischen Steuerstand und Steinbögen. Langsam gleitet Andreas hindurch. In Höhe Treptower Park macht Guido Clement den Heizern wieder Dampf, drückt dreifach die Klingel. Andreas legt an Tempo zu, rauscht überraschend leise durch den Fluss, kein Rütteln und Puckern wie bei Dieselkähnen, beständig schlägt die Maschine ihren Takt. Stampfen unter den Füßen, Aprilsonne im Gesicht. Tuuuut, Andreas bläst kleine Wölkchen in die Luft. Ein Stern- undKreisschiff auf Gegenkurs trötet zurück.

"Dampfschiffe muss man vorausschauend fahren - wie einen Supertanker"

„Der Kahn ist zwar dick“, sagt der Käpt’n, „aber kommt er erstmal in Fahrt, ist er schneller als viele schlanke Schiffe“. Und lässt sich nur mehr schwer bremsen. Das liegt an seiner ungewöhnlich großen Schraube mit 1,60 Meter Durchmesser. Die brauchte er einst, um mit Power abzuschleppen. Aber im Rückwärtsgang stoppt sie den Dampfer nicht effektiv, sondern dreht sein Heck zur Seite. „Man muss so ein Dampfschiff total vorausschauend fahren“, erklärt Clement. „Wie einen Supertanker.“

Herr der Zylinder und Gestänge. Maschinist Erhard Bergschmidt am Kolbenmotor.
Herr der Zylinder und Gestänge. Maschinist Erhard Bergschmidt am Kolbenmotor.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der 48-Jährige ist Schiffsführer seit 1985. Andreas bugsiert er ebenso wie seine Crew-Kollegen in der Freizeit über die Spree. „Aus Leidenschaft“, wie er sagt. Alle Experten an Bord sind Profis. Maschinist Erhard Bergschmidt (70) war sogar bis zur Rente die längste Zeit nur auf Dampfschiffen aktiv. Man steigt zu ihm über eine Leiter hinab. Bergschmidt ist der Mann, der ständig mit Ölkännchen und Schmiere hantiert. Schiebt er einen Hebel nach links, legt seine Maschine aus Zylindern und Gestängen mächtig los.

Es riecht im Schiffsbauch ein bisschen wie einst im alten Berlin der Kohleöfen. „Verschmutzt Andreas nicht die Umwelt?“ fragen zwei Mädchen. „Na ja“, sagt ein Matrose. „Ihr erlebt hier ein tolles Denkmal. Andere Denkmäler passen auch nicht mehr in die heutige Zeit.“ Und im Vergleich zum Autoverkehr? „Da ist Andreas doch ein Wicht.“

Der Schlepper Andreas legt für Rundfahrten wieder zum Hafenfest am 15./16. Juli ab, weitere Termine und Charterinfos stehen auf der Website: www.historischer-hafen-berlin.de

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