Berlin : Sally Perel in Kreuzberg: Salaam Aleikum und Shalom Alechim

Imke Sturm

Die Aula des Oberstufenzentrums Handel in Kreuzberg ist bis zum letzten Platz besetzt. 500 Schüler lauschen fast andächtig dem aus Israel eingeflogenen Sally Perel, der als "Hitlerjunge Salomon" bekannt wurde. Bereits zum vierten Mal in diesem Jahr ist der 75-Jährige hier zu Gast. Insgesamt 2000 Schüler haben in diesem Jahr schon seine Lebensgeschichte hören können, die er als Buch verfasste und die bereits verfilmt wurde. Warm und ruhig klingt seine Stimme, wenn er langsam zu berichten beginnt, wie er 1938 als 16-jähriger Jude vier Jahre unter dem Deckmantel der Hitlerjugend überlebte. Als "inneres Tauziehen" beschreibt er seinen damaligen Seelenzustand, immer hin- und hergerissen zwischen Herkunft und der "Gedankenwelt" der Nazis.

Diesen Kampf verlor er schließlich, "mit der mentalen Veränderung kam die totale Identifizierung", berichtet Perel. "Ich wurde ein Hitlerjunge, mit allem, was damit gemeint war", bekennt er. Vierzig Jahre habe er dafür gebraucht, bis ihm dieses Geständnis über die Lippen gekommen ist. Einzig mit der Auslöschung seines Volkes sei er nicht einverstanden gewesen. Eine Lehrerin im Saal ruckelt an ihrem Stuhl, als wolle sie dichter an den Sprecher heranrücken.

Als Opfer dieser Indoktrinierung wolle er all den psychisch schwachen Jugendlichen helfen, die sich heute auf die Seite von Rechtsradikalen schlagen, sagt Sally Perel weiter. Als Zeitzeuge fühlt er sich verpflichtet, seine Erfahrungen weiterzugeben: "Aus der Geschichte können wir lernen, welche Fehler wir in Zukunft vermeiden können." Dabei stellt sich Perel vielen Radikalen, auch den Islamisten. Als Friedenskämpfer ist er im eigenen Land durchaus umstritten. Seiner Meinung nach sollten die besetzten Gebiete den Palästinensern zurückgegeben werden. Er ist gegen jede Gewalt. "Das arabische Salaam Aleikum und das hebräische Shalom Alechim sollten auf beiden Seiten bald den Frieden bewirken", sagt Perel zur aktuellen politischen Lage.

Dass es zwischen arabischem Fanatismus und aggressivem Antisemitismus Verbindungen gibt, glaubt Heinz Steireif, Fachbereichsleiter für Politik und Sozialkunde der Schule. Er war es auch, der die Initiative ergriff, Sally Perell einzuladen. Leicht aufgeregt gab er vor der Veranstaltung Auskunft: "Wir haben weniger Probleme mit Rechtsradikalen, als mit arabischen Fundamentalisten. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass sich diese teilweise verbünden." Sally Perel habe eine enorme Wirkung auf die Schüler. Der Lehrer berichtet von teilweise herzergreifenden Szenen. Einmal sei sogar ein arabischer Schüler während der Veranstaltung aufgestanden und habe sich laut bei Perel bedankt. Er würde die gleiche Politik verfolgen und es gäbe viel zu wenig Friedenskämpfer auf beiden Seiten, habe der Schüler gesagt. Daraufhin sei Perel aufgestanden und habe erwidert: "Lass Dich umarmen."

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