Berlin : Salon der Gipsköpfe

Die Ausstellung „Berlin in Gips“ im Roten Rathaus ist ein Nische unverhoffter Anmut. Jetzt kam der 50000. Besucher

Hermann Rudolph

Ein Berliner Olymp? Nein, so weit versteigt man sich in dieser Stadt nicht. Erst recht hat im Roten Rathaus, einer bekannten Stätte der Nüchternheit, bestimmt niemand daran gedacht, der Stadt eine Ehren- und Ruhmeshalle à la Walhalla zu bescheren. So etwas gehört nach Bayern. Dass die Versammlung von Statuen, Porträtbüsten und Reliefs im Säulensaal des Rathauses den Eindruck eines geselligen Gesprächs, ja, eines Salons entstehen lässt, passt schon eher in den Berliner Denk- und Gefühlshorizont. „Berlin in Gips“ heißt die Ausstellung, die die Staatlichen Museen zu Berlin hier zeigen, seit ziemlich genau einem Jahr. Es ist – mitten in dem großen, ungemütlichen Rathaus, mitten im kahlen, immer noch zerrissenen Berliner Zentrum – eine Nische unverhoffter Anmut und anrührender Anschauung, ein Raum stadthistorischer Intimität. Die Abteilung „Musentempel“ nennt es der Chef der Senatskanzlei, Staatssekretär André Schmitz. Halb ironisch, halb mutig.

Tatsächlich ist es eine ganze Geistes- und Gefühls-Landschaft, die sich hier präsentiert. Auf den Sockeln stehen die preußisch-berlinischen Größen aus den bewegten Jahrzehnten zwischen 1790 und 1850 – die Nicolai und die Mendelssohns, die Humboldt und Schelling, die Henriette Herz und Schleiermacher. Daneben die Monarchen und die Prinzessinnen, die Minister und Generäle, aber die Hoheiten sind nicht hoch, sondern sehr menschlich, und selbst die Kampfszenen von den Denkmalssockeln für die großen Soldaten haben das Schöne des Strebens nach dem Humanen. Und wie von selbst verwandelt sich diese Berliner Gestaltenwelt in die antike Welt der mythologischen Figuren, die hier auch stehen. Doch der Liebreiz dieser Ariadnen und Kassandren ist der der schönen Berliner Bürgerstöchter von damals.

Am Eingang der Ausstellung ist ein Satz von Madame de Stael zu lesen: „Dem Schauspiel, das Berlin gewährte, kam in Deutschland kein anderes gleich.“ Das hört man in Berlin, natürlich, gern – und hält es für etwas schönfärberisch. Doch flanierend zwischen Säulen und Sockeln, zwischen Lessing und Schelling, Wieland und Friedrich Wilhelm IV., kann man sich der Frage nicht erwehren, ob es nicht doch gestimmt hat. Vielleicht gab es in Berlin damals wirklich das zweite klassische Zeitalter in Deutschland – neben Weimar –, das eine Forschergruppe seit einiger Zeit ausgräbt, in der Akademie der Wissenschaften, ein paar Straßenzüge weiter? Und der Gedanke des Schloss-Aufbaus als Humboldt-Forum, der bei der Erfindung dieser Ausstellung beteiligt war, hat doch einen Rückhalt in der Geschichte der Stadt?

Etwas Geisterhaftes hat sie schon, diese Gips-Soiree in dem hochgereckten Saal mit seiner roten Spitzbogen-Decke, der früher die Bibliothek des Rathauses war und einer seiner wenigen erhaltenen Räume ist. Diese Skulpturen haben ja nichts Gipsernes, wenn man darunter Leblosigkeit und Stumpfheit versteht. Im Gegenteil, ihre Starrheit ist lebendig, ihre Stummheit beredt – das erstaunliche Werk der Schadow, Rauch, Drake und wie die anderen Mitglieder der Berliner Bildhauerschule heißen. Und dann ist da die Freude, Berlin, unentwegt unterwegs durch Problemistan, einmal so bei sich selbst zu sehen, in diesen Gestalten und Gesichtern, die einen fruchtbaren und erinnerenswerten Augenblick seiner Geschichte bewahren.

Übrigens, gestern war der 50000. Besucher da. „Berlin in Gips“ an diesem Ort hat das Zeug zu einer echten Dauerausstellung. Und sie läuft ja auch weiter. Montags bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Kostenfrei.

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