Salonkultur in Berlin : WG-Party mit Bier und Beethoven

Eine Party mit Späti-Wein – und plötzlich wird Beethoven gespielt. Live. Junge Berliner organisieren Kammermusik-Abende im Wohnzimmer, holen Theaterstücke und Kunst ins Private. So entsteht eine neue Salonkultur ohne Dresscode und Dünkel.

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Klassisch feiern: Auftritt von "Groupmuse"-Musikern in einer Berliner Privatwohnung.
Klassisch feiern: Auftritt von "Groupmuse"-Musikern in einer Berliner Privatwohnung.Foto: Hendrik Lehmann

Rrring. Florian geht zum Eingang, öffnet die Tür einen Spalt. „Pssst!“ zischen ein paar Gäste im Wohnzimmer. Ein älterer Mann steht draußen, er sieht müde aus – und wütend. „Hallo, was gibt’s?“, flüstert Florian. „Könnt ihr nicht mal leiser sein?“, fragt der Mann. „Jedes Mal Party, Party, Party. Kann der ganze Lärm nicht mal aufhören?“

Der Lärm ist das Streichquartett Nummer 21 in D-Dur, K 575. Wolfgang Amadeus Mozart hat es 1789 geschrieben, es ist dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. gewidmet. Das Quartett befindet sich im zweiten Satz, andante. Es gibt Menschen, die viel Geld zahlen, um solchen Lärm zu hören.

Die Gäste an diesem Abend zahlen nichts. Die meisten spenden etwas. Es sind auch nicht die typischen Gäste für einen solchen Abend. Und nicht der typische Ort.

Karl-Marx-Straße, Altbau, vierter Stock, Blick vom Balkon auf den Alfred-Scholz-Platz, das Stadtbad Neukölln, Spätis und Kleinkramläden. Im Wohnzimmer sitzen etwa 40 Menschen auf Sofas und Sofakanten, Sesseln und Sitzkissen oder direkt auf dem Boden. Die meisten sind zwischen 20 und 30, ein paar sind älter, einige wenige viel älter. In den Händen halten sie Pappbecher mit Späti-Rotwein, eine junge Frau verteilt Häppchen. Sit-in-Atmosphäre, Quatschen und Trinken. Eine ganz normale Privatparty eigentlich. Wenn da nicht dieses Streichquartett wäre.

Der Nachbar hält Klassik für "Lärm"

Der Nachbar ist wieder weg. Florian hat sich mit ihm geeinigt – bis 23 Uhr darf gespielt werden, danach ist Schluss. Seine kleine Nichte sei zu Besuch, sagt der Mann, die vertrage den Lärm nicht. Auf die Frage, ob sie nicht vielleicht zuhören wollen, ein bisschen Klassik, lächelt er und schüttelt den Kopf. „Nee, nee…“

Tony Rymer sitzt im Wohnzimmer, vor ihm ein Notenständer. Er hat die Hand noch fest am Hals seines Cellos. „Können wir weiter machen?“ Rymer setzt den Bogen an, streicht ein F, hält es. Die Viola setzt ein, spielt das Hauptthema, zuerst solo, erste und zweite Geige warten noch. Das 12. Streichquartett von Dvorák, „Das Amerikanische“.

Rymer kommt aus Boston, ist 25 Jahre alt, seit etwas mehr als einem Jahr lebt er in Berlin. Das Wohnzimmerkonzert, auf dem er hier spielt, ist ein sogenannter „Groupmuse“. Ein Kommilitone von ihm hat diese Veranstaltungsform 2013 in seiner Heimatstadt erfunden, Rymer hat sie nach Berlin gebracht.

Ein Groupmuse, das ist irgendwas zwischen Kammermusik-Konzert und Hausparty. Am Anfang des Abends hält Rymer eine Ansprache, in der er den Geist der Veranstaltung erläutert: „Wir verbinden Elemente, die leider nicht so oft zusammenkommen: Lockerheit und klassische Musik. Kein Dresscode, kein Dünkel.“

Tony Rymer (Cello) und Mia Bodet (Violine) spielen ihre Wohnzimmer-Klassikkonzerte zusammen.
Tony Rymer (Cello) und Mia Bodet (Violine) spielen ihre Wohnzimmer-Klassikkonzerte zusammen.Foto: Hendrik Lehmann

Die Organisation läuft über eine Website. Jeder kann Gastgeber eines Kammerkonzerts werden – wenn genug Platz vorhanden ist. Man kann aber natürlich auch als Besucher kommen. Ein bestimmtes Kontingent der verfügbaren Plätze muss immer öffentlich sein – ein Groupmuse ist ganz bewusst nicht einfach ein Konzert unter Freunden, sondern steht im Prinzip jedem offen. Auch als Musiker kann man sich anmelden und Teil des großen Ensembles werden, das immer weiter wächst und wechselt.

Junge Berliner organisieren für sich selbst Kammermusik-Abende – wie passt das ins Bild der feierwütigen Technostadt? Ist der Do-it-yourself-Gedanke in der Klassik angekommen? Er zieht sich ja schon seit geraumer Zeit durch die Berliner Stadtgesellschaft. Fernab der großen Institutionen finden sich in vielen Kunstbereichen Menschen, die mit hohem Anspruch immer wechselnde private Räume bespielen.

So auch im Theater. Ein Haus in der Prenzlauer Allee, Höhe Wasserturm. Auf dem Klingelschild hat jemand den Namen im dritten Stock links mit einem Zettel überklebt: „Altbau“ steht darauf.

Bitte die Schuhe ausziehen!

Rrring! „Willkommen, bitte die Schuhe ausziehen“, sagt eine Frau in Socken. Sie spricht Englisch mit italienischem Akzent. „Ins Wohnzimmer hier rechts bitte. Bier oder Wein gibt es in der Küche, für zwei Euro.“ Im Wohnzimmer hängen sauber angeordnete Bauhaus-Plakate, Sofas stehen im Halbkreis unnatürlich nah an der Kochnische. Ein riesiges Kuhfell bedeckt den Parkettboden, darauf stehen fünf Italienerinnen: „Wir haben von unserer Freundin von der Sache gehört und wollten das auch mal mitmachen.“ Die Rede ist von „Altbau“ – dem Stück, das gleich beginnt. Eine Theatergruppe führt es seit zwei Jahren in wechselnden Berliner Wohnungen auf. Die werden ihnen meist von Zuschauern nach der Aufführung angeboten. Auch die nächsten zwei Wohnungen sind schon organisiert.

Die Frau von der Tür heißt Serena Schimd und stellt sich jetzt in die Mitte des Wohnzimmers. „Alle da! Ich lese jetzt Namen vor und teile euch zu Gruppe A, B oder C zu.“ Rund 40 Namen und Buchstaben später dirigiert Schimd Gruppe B ins Schlafzimmer, Gruppe C ins Bad, Gruppe A bleibt, wo sie ist. „Ihr rotiert dann durch. Ach, und zur Sicherheit: Ich hoffe, keiner von euch hat ein Problem mit Blut?"

Gruppe C also. Das Stück beginnt mit einem kleinen Schock: Ein älterer Mann sitzt zusammengesunken in der Ecke des Badezimmers, aus seinem Mund tropft Blut. Rund um eine Platzwunde kleben seine langen, graublonden Haare an der Kopfhaut. Er sieht erbärmlich aus, sein Mund ist mit Klebeband verschlossen, seine Hände an den Heizkörper gefesselt. Am Boden kniet eine Frau im roten Kleid, deutlich jünger als er, wischt Blut von der Badewannenkante. „Ich wollte das nicht!“, schluchzt sie.

Die Schreie hört man bis ins Schlafzimmer

Eine Eifersuchtsszene: Der Mann ist ein berühmter Künstler, seine junge Freundin ist für ihn nach Berlin gezogen, hat ihre Tanzkarriere in Spanien aufgegeben. Sie zieht ihm das Klebeband vom Mund, der Mann röchelt, sagt, er könne doch nichts für ihre Entscheidungen. Dass sie seit drei Jahren nicht mehr getanzt hat, sei ihre eigene Schuld. Am Ende der Szene: ein Schrei, den man auch im Schlafzimmer hört.

Dort erlebt Gruppe B gerade Bettgeflüster mit Missverständnissen. Und in der Küche sieht Gruppe A einer Frau beim Kochen mit ihrer Affäre zu – man sitzt dort so nah am Topf mit Linsensuppe, dass man unweigerlich Appetit bekommt.

Jede der mal auf Deutsch, mal auf Englisch, Italienisch oder Spanisch gesprochenen Szenen ist so nah, dass sie fast unwirklich scheint. Im Bad sind die Zuschauer an die Wand gedrückt, nur wenige Zentimeter vom Gepeinigten entfernt. Ein Zuschauer hat sich eine Jacke über sein weißes Hemd gezogen, in der Angst, dass das Blut die Abendgarderobe ruinieren könnte. Im Schlafzimmer sieht man verkrampfte Gesichter im Publikum, wenn das Geturtel der beiden Liebenden plötzlich ernst wird. „Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du es in deiner Muttersprache sagen“, beklagt sich die Frau. „But then you wouldn’t understand it!“, gibt der Mann zurück. Wenn die beiden sich die Decke über den Körper ziehen, weht der Luftzug die Haare der Zuschauer in die Höhe.

Marina Rodriguez, 29, inszeniert und spielt mit der Gruppe "Theater am Tisch" in Privatwohnungen.
Marina Rodriguez, 29, inszeniert und spielt mit der Gruppe "Theater am Tisch" in Privatwohnungen.Foto: privat

Es geht um Sprache in den Szenen, ums Leben und Lieben im Ausland. „Wir wollten Themen behandeln, die uns auch persönlich berühren“, sagt Marina Rodriguez, die eben noch die Frau spielte, die das Blut des berühmten Mannes aus einem Schwamm wrang. Rodriguez spielt nicht nur, sie ist die Regisseurin des Stücks. Die drei Szenen funktionieren unabhängig voneinander, aber haben dieselbe Ästhetik. Geschrieben haben die Szenen verschiedene Autoren: eine Britin, ein US-Amerikaner und ein Australier.

Das Kollektiv um Rodriguez und Serena Schimd nennt sich „Theater am Tisch“. Viele der Mitglieder kommen nicht aus Deutschland, wohnen aber seit Jahren hier. Rodriguez ist 29 Jahre alt, seit fünf Jahren in Berlin, sie kommt aus einem Dorf bei Barcelona. Sie spricht ausgezeichnetes Deutsch, ist Vollzeitschauspielerin, genau wie ihr Kollege Nils Willers, dem noch immer ein wenig Kunstblut im Gesicht klebt. Willers ist 53 und hat schon an etlichen Bühnen gespielt: Im Maxim-Gorki-Theater, am Neumarkt in Zürich, im Beckett-Theater in Buenos Aires. „Man kommt viel rum mit der Zeit.“ Bei „Theater am Tisch“ ist er der Älteste.

Auch in Kneipen spielen sie Theater

„Der Name kommt daher, dass wir ursprünglich in Kneipen direkt an den Tischen im Publikum gespielt haben“, sagt Serena Schimd. Bis heute spielen sie etwa einmal die Woche in der Kneipe Mano, Skalitzer Straße, Kreuzberg. Schimd ist Italienerin, hat eine ähnliche Gruppe bereits in Mailand geführt. Als sie vor drei Jahren nach Berlin zog, hat sie „Theater am Tisch“ hier neu gegründet. Schimd hatte nicht viele Kontakte, also organisierte sie sich über das Internet. Die erste Spielstätte für „Altbau“ fand sie über das Ferienwohnungs-Portal Airbnb. „Eine unglaubliche Wohnung! Maisonette, direkt am Südstern.“ Die Premiere war ein Erfolg, einige Zuschauer boten an, ihre Wohnungen zur Verfügung zu stellen – so ging es los.

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