Berlin : Salz in der Butter, Zucker im Hering

Anleitung zum Genießen auf dänische Art: Ein kleiner kulinarischer Aufruf zur Solidarität mit den gebeutelten Herstellern

Bernd Matthies

Als die Welt noch heil war, da stand die Pappkuh Karoline auf jeder Grünen Woche für die Verlockungen dänischer Milchprodukte ein. Später zeigte der Küchenchef der Muppet-Show, römpömpöm, mit welch souveräner Lockerheit man droben inmitten der Ostsee aus diesen Zutaten schmackhafte Gerichte zaubert. Dann aber kam die Karikaturen-Affäre – und es scheint, als werde es demnächst gegen die Grundregeln politischer Korrektheit verstoßen, sich allzu offensiv zum Genuss auf dänische Art zu bekennen. Umgekehrt: Wie ließe sich die Solidarität mit unseren von Boykotts in den islamischen Ländern gebeutelten Nachbarn offensiver ausdrücken als mit der Anschaffung ihrer Produkte?

Wer gezielt und sorgfältig einkauft, findet in den Regalen der Berliner Supermärkte und Feinkostgeschäfte allerhand dänische Lebensmittel, die den Tag vom Frühstück bis in die Nacht kulinarisch anspruchsvoll begleiten können. Produkt Nummer eins: die Arla-Markenbutter, die auf ewig den an sich verschwundenen Markennamen „Lurpak“ tragen wird. Sie ist, angesichts des Preises kein Wunder, nicht mit hochgekitzelten Designer-Buttern aus der Bretagne zu vergleichen, sondern stammt aus quasi industrieller Produktion, wie der Begriff „mildgesäuert“ alsbald deutlich macht – aber sie ist gut. Heller als vergleichbare deutsche Produkte, von kompakter Sahnigkeit und bei Zimmertemperatur längst nicht so zu fettig-schmieriger Auflösung neigend wie hiesige Dutzendware.

Der milde Salzanteil mag konservative Esser verschrecken, doch er passt zu allem, sogar, besonders, zur hervorragenden Himbeermarmelade von „Den gamle Fabrik“ aus Taastrup. Generationen von Urlaubern haben sich damit den Bauch voll geschlagen, kein Wunder, denn man muss preislich schon sehr weit oben einsteigen, um etwas Vergleichbares zu finden. Angenehm fließend ohne jedeZähigkeit, von klarem Himbeeraroma und nur dezent süß.

Dazu: dänische Milch. Für sie gilt, was für die Butter gilt: Nichts Handgemolkenes von persönlich haftenden Kühen, sondern ein reelles, geschmacklich rundes Produkt, wie man es gern im Kühlschrank hat (bei Butter-Lindner). Der Däne an sich liebt wie alle Nordlandbewohner die Vanille über alles. Am besten kommt sie im durchaus wie hausgemacht schmeckenden dänischen Vanille-Quark zur Geltung, wie ihn ebenfalls die Lindner-Filialen anbieten. Echte Vanille, unaufdringliche Erdbeerzubereitung, sahnig-glatter Quark. Die beliebte Vanillesoße namens „Matilde“ dagegen weist stracks in die Untiefen des skandinavischen Massengeschmacks: Voll mit penetranten Aromen, sehr süß und seltsam bleich und flüssig: Das würde man nicht einmal auf einen dänischen Apfelstrudel schütten, wenn es ihn denn gäbe.

Ohnehin: Mit Fisch kennen sich die Skandinavier am besten aus. Die Deutschen, die sich gewohnheitsmäßig mit essigsaurem Bismarckhering foltern, reagieren nervös, wenn sie erfahren, wie viel Zucker in der Marinade eines Dillherings steckt. Aber lecker ist das Zeug, schweinelecker .. . Ähm: Lassen wir das Schwein hier mal aus dem Spiel. Der Wahrheit die Ehre: Die Fischkonserven der dänischen Firma Larsen sind abgekupfert von Abba in Schweden. Aber es überwiegt das Gebot der Solidarität.

Käse schließt den Magen, allerdings ist das mit den typisch dänischen, zu fader Gummihaftigkeit tendierenden Sorten so eine Sache. Besser ist der Castello, eine Art weichgespülter Camembert, und der populäre Danablu mit Blauschimmel kratzt sogar an Gourmet-Sphären. Mit dänischem Bier ist in Berlin kein Staat zu machen, zumal das passable Tuborg ebenso wie das schlabbrige Carlsberg in Deutschland gebraut wird, was dem Anti-Boykott-Gedanken widerspricht.

Original Dansk ist dagegen der Aalborg Jubiläums-Akvavit, mit dem wir unsere Solidaritätsmahl beschließen. Ein kompakter, stoffiger, aromatischer Klarer mit dem spezifischen Hauch des dänischen Nationalgewürzes: Dill.

Ja, das ist stark, zugegeben. Ach, vor dem Hinlegen: Ist dieMatratze vom Dänischen Bettenlager?

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben