Berlin : Samariter in Nadelstreifen

Ludger Rosenau ist wochentags der Chef von 800 Menschen bei Siemens – am Wochenende hilft er in der Suppenküche am Bahnhof Zoo aus

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Mehrsprachig. Viele der Hilfsbedürftigen stammen aus dem Ausland. Die Lebensmittel sind großenteils Spenden. Foto: Uwe Steinert
Mehrsprachig. Viele der Hilfsbedürftigen stammen aus dem Ausland. Die Lebensmittel sind großenteils Spenden. Foto: Uwe SteinertFoto: uwe steinert

Jesus trägt einen goldenen Rock. Er hat den Kopf gesenkt, sein Kreuz hängt an der Wand, schräg über dem silbern glänzenden Topf mit dem frisch gebrühten Kaffee. Daneben steht ein Bottich mit rotem Früchtetee, außerdem gibt es Apfelsaft, Wasser oder Milch. Alles Spenden. „Was darf’s denn sein?“, fragt einer der Helfer in der blauen Weste mit dem Signum der Bahnhofsmission. Es ist Ludger Rosenau. Für die, die hier an diesem Sonnabendnachmittag ihren Kaffee holen, ist er der Lutz. Ahnen sie, womit der Lutz sein Geld verdient? Was er die Woche über tut? Dass er der Chef von 800 Leuten ist? Fertigungs- und Standortleiter bei Siemens? Ein wichtiger Mann aus der Chefetage, Herr über Hochspannungsgeräte bis 800 000 Volt? Jetzt schmiert er Butterbrote. Und Jesus schaut zu.

Der Gekreuzigte ist immer dabei, wenn die tägliche Speisung der 500 beginnt, auch an diesem Sommertag in der Bahnhofsmission Zoo. An der Jebensstraße stehen die Mühseligen und Beladenen und warten, dass die Essensausgabe beginnt. Hinter der Tür, im kleinen Saal, versammelt Dieter Puhl, der Leiter der evangelischen Bahnhofsmission, in diesem Moment seine Helfer – zehn von 70 – an einem großen Tisch. Jeder stellt sich vor, erzählt, wie und warum er hierherkommt. Puhl, offenes Hemd, braun gebrannt, so eine Mischung aus Richy Müller und Jörg Schüttauf, mit sparsam gepiercter rechter Augenbraue, gibt letzte Tipps. So könnte es vor einer Premiere sein. Aber wir sind nicht im Theater, sondern im real existierenden Kapitalismus, in einer Stadt, die nicht verschweigt, dass sie arm ist. Und hier haben wir sie, arm, und unsexy.

Durch die Tür schlendern die ersten 50 Arbeitslosen und Obdachlosen, Junge und Alte, unrasierte Männer und gut gekleidete Frauen mit stark russischem Akzent, hungrige Gäste aus vielen Nationalitäten: Da ist ein Dicker, der sagt, er sei bei der Fremdenlegion gewesen, eine 75-Jährige, die aus dem Heim ausgebüxt ist, und Jana Maria Else, die sich heute entschieden hat, ein Mann zu sein, trotz der Ohrringe und den farbig unterlegten Augen. „Bevor ich Depressionen kriege, fahre ich hierher“, sagt die Travestiekünstlerin.

Wie er in die Lage kam, nach einem kostenlosen Getränk und einem Teller voll frisch von den Helfern mit Käse und Salami belegten Broten anzustehen (dazu gibt es Bananen und Kuchenstücke von der Berliner Tafel) erzählt Heinrich. Allergien plagten den Maler und Lackierer bis zur Berufsunfähigkeit, nach etlichen Gerichtsterminen wegen unbezahlter Stromrechnungen hat er nun „zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig“. Er geht zur Mission am Ostbahnhof oder zum Bahnhof Zoo zur Essenausgabe für Bedürftige, täglich von sechs bis sieben Uhr, 14 bis 18 und 22 Uhr bis Mitternacht. Dort trifft er auch Manfred. Nach einer Entziehungskur lag er acht Mal auf dem OP-Tisch, doch „der liebe Gott wollte mich noch nicht haben, vordrängeln gibts nicht, hat er gesagt, los, hinten anstellen!“. Manfred lächelt das Siegerlächeln nach dem Kampf gegen sich selbst, nun „gucke ich mir hier an, was manchmal am Ende aus der Trinkerei rauskommt“. Er ist einer von jenen Berlinern, denen Dieter Puhl „liebevolle Hemdsärmeligkeit“ bescheinigt. „Meine Jungs“, sagt er, oder „unsere Gäste“. Sie alle werden für voll genommen, jeder, der seine Geschichte mit sich trägt. Auch die beiden Mädchen vom Bahnhof Zoo, die da plötzlich durch die Tür schneien und höflich fragen, ob sie ihren Hund mitbringen dürfen. Können sie nicht. „Da müssen wir auch mal nein sagen“, meint Lutz, der gerade den Einlass regelt. Aber Hundefutter, das gibts gratis. Draußen, wo die Raucher sind.

Auch die Helfer, von der 17-jährigen Praktikantin bis zur 84-jährigen Zehlendorfer Witwe, haben ihre Geschichten. Da sind beispielsweise die beiden Urgesteine von russischen Müttern. „Du sagst ihnen in anderthalb Minuten, was Sache ist, und dann bringen sie den ganzen Laden samt unserer 13 Betten auf Vordermann“, sagt Dieter Puhl. 70 „Ehrenamtliche“ helfen der rund 24 Stunden geöffneten Bahnhofsmission am Zoo. 500 Gäste werden täglich von der Kirche und von Geld- und Sachspenden der Berliner versorgt, unter ihnen immer mehr Wohnungslose aus Osteuropa oder illegal in Berlin lebende Menschen.

Einer der Missionare ist Ludger Rosenau. 63 Jahre alt, grauer Bürstenschnitt, gepflegter Bart, dunkelbraune, sanfte Augen unter den Theo-Waigel-Brauen. Einmal kam er mit einem dicken Auto in der Jebensstraße am Bahnhof Zoo vorgefahren, um Hilfsgüter abzuladen, da hat einer gerufen: Leute, lasst die Radkappen dran, der Mann gehört zu uns. Dann wieder trafen ihn Jebensstraßen-Gäste in der U-Bahn, sind hinterhergegangen und haben gesehen, wie er in einem Gerichtsgebäude verschwand – seitdem nennen manche den Schöffen „Herr Staatsanwalt“. Und Lutz’ Kollegen vom Hochspannungsschaltwerk Siemensstadt haben sich sehr gewundert und darüber getuschelt, was ihr Chef wohl am Bahnhof Zoo so treibt.

Lutz Rosenau kam einst in die Jebensstraße, weil eine gefährliche Krankheit an ihm vorübergegangen ist. Er kam aus Dankbarkeit. „Ich wollte anderen Menschen helfen, ihre Not lindern“, sagt der Mann aus der anderen Welt mit seiner hohen Verantwortung, millionenfacher Wertschöpfung und persönlichem Wohlstand. Abgeben. Geld spenden. Und: „Unmittelbar am Menschen sein“. Helfen. Denn „die Not ist größer geworden. Die Schere zwischen denen, die viel haben, und denen, die relativ wenig bekommen, geht immer mehr auseinander“. Was kann man tun? Man muss lernen zu teilen. Wenn man etwas gibt, bekommt man es vielfach zurück – dies ist die Lebenserfahrung des Familienvaters aus dem Münsterland, der Mitmenschen hilft, die ohne Lobby sind. Kein Ruf nach großen Dingen, kein Geschrei nach „dem Staat“: In dem kleinen Stück Leben, wo man Einfluss hat, soll man versuchen, die Welt zu ändern und die Sorgen des anderen zu verstehen. Seit Lutz Rosenau in die Jebensstraße kommt, schaut er sich die Menschen mit ganz anderen Augen an. Den Zeitungsverkäufer in der U-Bahn. Den Bettler am Straßenrand. Es sind die kleinen Dinge, sagt Lutz. Am Handgelenk blitzt seine Glashütten-Uhr – ein Firmengeschenk für 40 treue Jahre bei Siemens in Berlin.

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