Berlin : Sammelleidenschaft: Das Wissen der Welt, verpackt in Ziege und Kunst

Deike Diening

Als unbestechlich objektiv gilt der Brockhaus. Die Enzyklopädie ist die Bildungsbürger-Bürgschaft der Eltern, 24-bändige Wissensautorität. Letztes Jahr allerdings hat der Verlag ein Paradox produziert: Innen die gewohnte, auf das Nötigste abgekürzte Welt des Wissens, außen dann die ziegenlederne Subjektivität des André Heller. Der "österr. Multimediakünstler, Entertainer, Chansonsänger, Autor", wie es im Brockhaus 2000 heißt, hat eine Sonderedition des Nachschlagwerkes aufwendig umgestaltet. Als sei der beeindruckende Inhalt dieses Wissensschatzes nicht schon für sich genommen Aufsehen erregend, hat Heller diesen Brockhaus "inszeniert": mit allen gängigen Schriftarten der Welt auf dem Buchrücken, mit gefärbtem Ziegenleder und mit kleinen Glasvitrinen voller Fundstückchen, eingepasst in den Bucheinband.

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Drei Jahre hat Heller gesammelt. Gab es irgendein Kriterium für die Auswahl der Fundstücke? "Das hat man ganz dem Künstler überlassen", sagt Florian Langenscheidt, Verlagsvorstand bei Brockhaus. Und so findet sich in den 312 kleinen Plastikvitrinen im Einband jetzt ein Stoffstückchen von einem Lieblingssessel Winston Churchills, in dem er 1949 seinen Aperitif trank, es gibt ein Stückchen vom Hemd des Placido Domingo, in dem er 1981 in der Wiener Staatsoper auftrat, es gibt Berliner Mauer, Knopfbatterien, Originalblech des "Silverpfeils" von Mercedes Benz.

Es ist eine subjektive Auswahl der Dinge der Welt, die in ihren transparenten Reliquienschreinchen im Bucheinband im Kleinen das Ganze repräsentieren sollen. Ihren Wert bestimmt nicht die Sache an sich, sondern ihre emotionale Aufladung. Auch dies wird von Brockhaus unter anderen Umständen konsequent vermieden.

Von 2000 Exemplaren seien nicht mehr allzu viele übrig, sagt Langenscheidt. Eines davon hat er jetzt der Stiftung Brandenburger Tor der Bankgesellschaft Berlin geschenkt. Es steht dort im Max-Liebermann-Haus am Pariser Platz in der Bibliothek, unweit einer Büste des Malers. Liebermann habe von seiner Badewanne aus den Kaiser vorbeireiten sehen können, so heißt es. Die Fächer der heutigen Bibliothek sind noch recht leer und auch der Kamin wird selten benutzt. "Denn wenn er einmal an war, muss man zwei Tage danach lüften, weil alles nach Ruß stinkt", sagt Monika Grütters, Sprecherin der Stiftung. Wenn unten im Haus am 26. Oktober dieses Jahres die Liebermann-Ausstellung eröffnet werden soll, soll auch die Bibliothek zugänglich sein.

Wer die Stücke der Welt vorher schon sehen will, kann entweder für 25 000 Mark eine der verbliebenen signierten Ausgaben bestellen. Oder, wenn man gerade mal bei Wolfgang Thierse im Reichstagsbüro vorbeischaut, ins Regal linsen, oder in die Bibliothek des Adlon vordringen. Auch dort steht ein Exemplar.

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