Berlin : Sammler und Jäger

Heinz Berggruen will sich ins Privatleben zurückziehen Zuvor hat er Berlin noch einmal beschenkt: mit einer Skulptur von Giacometti

Christina Tilmann

Wenn man davon ausgeht, dass der Umgang mit Kunst jung erhält, ist Heinz Berggruen das beste Beispiel. 93 Jahre alt wird der Sammler und Mäzen am 6. Januar 2007 und ist so wach und aktiv wie eh und je. Fährt kurzerhand nach Wien und Paris, wo im Musée Picasso derzeit die Picasso-Bestände seiner Sammlung zu sehen sind, während im Gegenzug 140 Pariser Picasso-Zeichnungen nach Berlin kamen (noch bis 7. Januar). Doch seine Heimat hat Berggruen seit 1996 wieder in Berlin: in seinem „Wohnzimmer“, dem kleinen, feinen Museum im westlichen Stüler-Bau gegenüber dem Charlottenburger Schloss. Das beherbergt seit zehn Jahren seine Sammlung. Dort konnte man den Sammler auch häufig im Gespräch mit Besuchern erleben – und in der Privatwohnung im obersten Geschoss, ganz in der Nähe seiner Schätze, die Berggruen sich damals ausbedungen hat und in der er in seinen Berliner Zeiten lebt. Hier empfängt er zum Interview, hier schreibt er kleine, schöne Feuilletons, die er später gesammelt in Buchform herausbringt (zuletzt: „Giacomettis und andere Freunde“, Wagenbach, 2005). Von hier aus verfolgt er das Kulturleben in Berlin.

Wenn nun die Meldung kommt, dass Heinz Berggruen sich ins „Privatleben“ zurückziehen wolle, mag man das kaum glauben. Ein privates Leben führt der Sammler schließlich, seit er 1996 in seine Geburtsstadt zurückkam – und dieses private Leben ist von jeher ganz der Kunst gewidmet.

Dabei war die Kunst dem Sohn eines deutsch-jüdischen Schreibwarenhändlers gar nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Zunächst arbeitete er als Journalist, schrieb kleine Beiträge für die „Frankfurter Zeitung“. Erst das durch die Nationalsozialisten erzwungene Exil nach 1936, das ihn nach San Francisco und später nach Paris führte, brachte ihn in Kontakt zur zeitgenössischen Kunst. Es entstanden Freundschaften mit Pablo Picasso und Henri Matisse, Bekanntschaften mit Joan Miró, Max Ernst und Hans Arp, eine leidenschaftliche Affäre mit der mexikanischen Malerin Frida Kahlo. Seit 1947 führte er eine renommierte Galerie in Paris, die er erst 1980 abgab, um sich systematisch seiner Doppelrolle als Sammler und Händler widmen zu können. Das alles prägte Heinz Berggruens Leben – und seine Sammlung. Ganz besonders schätzt er Cézanne, Matisse, Picasso, Klee und Giacometti, Protagonisten auch seiner Sammlung. Sich selbst nannte er einmal einen „Kunstjäger“. Und seine schönste „Beute“ findet sich seit 1996 in Berlin.

Das „Museum Berggruen“ war von Anfang an ein Riesenerfolg – seit der Eröffnung im Jahr 1996 kamen 1,5 Millionen Menschen. Im Jahr 2000 schließlich verkaufte Berggruen seine auf 750 Millionen Euro geschätzte Sammlung, darunter 90 Picasso-Werke, für 126 Millionen Euro der Stadt Berlin und sicherte damit den dauerhaften Verbleib. Er nannte dies damals, drei Tage vor Weihnachten, eine „Geste der Versöhnung“.

Nun ist es wieder wenige Tage vor Weihnachten, und wieder macht Berggruen Berlin (und seiner Sammlung) ein Geschenk: eine zwei Meter hohe Bronze-Skulptur von Alberto Giacometti, die „Große Stehende Frau III“ aus dem Jahr 1960, ein Hauptwerk des Schweizer Bildhauers. Bislang schmückte sie als Leihgabe die Rotunde des Museums, nun hat Berggruen sie gekauft und den Staatlichen Museen, unter deren Dach die Berggruen-Sammlung aufgehoben ist, geschenkt. So wie man Berggruen kennt, wird er es sich nicht nehmen lassen, die Dame ab und zu auch zu besuchen. Privatleben hin, Privatleben her.

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