Berlin : Samuel Beckett: Er war sehr heiter und litt

Tom Heithoff

Ein schwieriger junger Mann. "Beckett hatte, ebenso wie Joyce, einen Hang zum Schweigen; sie vertieften sich in Gespräche, die oft nur aus gegeneinander gerichtetem Schweigen bestanden, beide tieftraurig, Beckett meist über die Welt, Joyce meist über sich selbst." Nicht nur Richard Ellmann in seinem Buch "James Joyce", auch die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim erinnert sich an auffällige Züge Becketts, an seine "Apathie" - die so weit ging, dass er zuweilen bis zum späten Nachmittag im Bett blieb - und an mühsame Unterhaltungen; man habe Stunden und eine Menge Drinks gebraucht, um ihn aufzutauen.

Solche Schilderungen in Verbindung mit seinen "absurden", zum Teil äußerst sperrigen Stücken tragen wohl dazu bei, Samuel Beckett hin und wieder psychopathologische Züge anzudichten. Auf der Tagung "Beckett in Berlin", die zur Zeit in der Humboldt-Universität stattfindet, wird diese Diagnose nicht bestätigt. "Er war sehr freundlich und großzügig, weise und heiter - obwohl er an der Zeit litt und, in Erkenntnis der Weltübel, Melancholiker war", erinnert sich Gottfried Büttner (Kassel), der mit Beckett von 1967 bis zu dessen Tode 1989 befreundet war und sich in mehreren Büchern mit Beckett und dem absurden Theater beschäftigte. Von Krankheit keine Spur. "Alles, was in seiner Literatur wunderlich, absurd oder pervers erscheint, ist absolut kontrolliert."

Mit "Warten auf Godot" (1953) beginnt eine neue Theater-Zeit. Da schiebt sich ein Satz hinter den anderen und hebt den vorigen wieder auf. Die Gedanken scheinen nicht voranzukommen. Die zwei Landstreicher kommen auch nicht voran, obwohl sie immer davon reden, wegzugehen. Stillstand auf der Szene, zerbrochene Dialoge, ein Reden um "Nichts". Eigentlich kein Stoff für die Bühne, und doch wurde "Godot" eines der erfolgreichsten Stücke der Nachkriegszeit. "Ganz unverkleidet wird das Warten als menschliche Grundhaltung gezeigt", so Büttner, "die Situation des modernen Menschen, sein, existenzialistisch gesprochen, Geworfensein ins Sein. Er weiß nicht woher und wohin, und er wartet, dass er aus der Misere des Daseins herauskommt."

"Beckett macht Erlebnistheater, es ist kein intellektuelles Konfrontieren mit Problemen, wie es zum Beispiel Brecht macht", sagt Büttner. Man müsse eintauchen - können. Es komme bei Beckett immer auf den Zuhörer oder Leser an. "Beckett formuliert die Fragen der Zeit, des Menschseins sehr scharf und sehr präzise und lässt dem Zuschauer die Freiheit, selber zu urteilen." Am Schluss von "Endspiel" - dem Stück, das Becketts "Herzen am nächsten" ist - sieht CLOV mit gepacktem Koffer auf die Szene. Geht er? Geht er nicht? Ein Bild der Offenheit. "Es liegt an uns, was wir daraus machen."

Die Interpretation macht also jeder in seinem Kopf. Der Beckett-Biograph James Knowlson meinte, auch nach dreißig Jahren der Beschäftigung mit Beckett entziehe sich dessen Werk immer noch allen Deutungsanstrengungen. Vielleicht sind ja die Einflüsse objektivierbarer? Büttner sieht große Parallelen zu Schopenhauer, der drei Wege empfiehlt, um die Misere des Daseins zu überwinden: Kunst schaffen, Mitleid haben, Resignation üben. "Auch Beckett hatte sehr viel Mitgefühl, das war aber seine Natur. Ich will nicht sagen, dass er das von Schopenhauer gelernt hat; sein Lebensgefühl entsprach dem Schopenhauers, sowohl im Pessimismus als auch in der Art, Mitleid zu empfinden." So habe sich Beckett, auch mit seinem Nobelpreisgeld, stets für "underdogs" eingesetzt. Die dritte Schopenhauersche Empfehlung, die Resignation, (nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit) ist eine künstlerische Haltung und bedeutet, so Büttner, "reiner Spiegel der Wahrnehmung zu sein und mit wachem Bewusstsein das zu reflektieren, was sich schließlich in der Kunst offenbart. Es heißt, die Dinge so zu sehen, wie sie sind." Schopenhauer hätte es Beckett ermöglicht, nicht nur seine Werke zu schaffen, sondern auch sein eigenes Leben zu meistern - eine lebenslange und vielleicht lebensnotwendige Verbindung mit Schopenhauer also, der schrieb: "Nicht nur die Philosophie, sondern auch die schönen Künste arbeiten im Grunde daraufhin, das Problem des Daseins zu lösen."

Eine Woche lang Gedanken über Beckett. Ein Mammutkongress mit über 60 Referenten. Aus allen Richtungen wird Beckett ins Visier genommen. Michael Maier (Berlin) weist nach, dass Musik bei Beckett nicht nur "eine Bedeutungsschicht", sondern mitunter eine "eigenständig auftretende Hauptperson" ist. Karen Laughlin (Florida State University) sieht viele Beckett-Figuren ihr Leben in Text übertragen und sich so, als postmoderne Subjekte, "vom eigenen Körper und Begehren entfernen". Aus Japan kommt die Erkenntnis, dass Beckett - unbewusst - Elemente des Haiku verwendet hat. Haiku, so Mariko Hori Tanaka (Shibuya), sei die Kunst, zwei eigentlich unpassende Bilder zusammenzubringen, sodass "Unsichtbares sichtbar" wird. Es gilt, das Rätsel Beckett zu lösen, doch viele Lösungswege sind noch gar nicht erschlossen. "Beckett war überaus gelehrt, er hat alles an Literatur und Wissen aufgegriffen und in seinen Kosmos eingearbeitet. Vieles wäre leichter zu beantworten, wenn man Zugang zu den Tagebüchern und Briefen hätte", sagte Peter Brockmeier (Humboldt-Universität), der zusammen mit Angela Moorjani das Symposium organisiert hat.

In seinem Essay "Proust" notiert Beckett: "Der Versuch, sich verständlich zu machen, wo keine Verständigung möglich ist, ist nur eine äffische Vulgarität oder entsetzlich komisch, wie die Verrücktheit dessen, der ein Gespräch mit Möbeln führt. (...) Es gibt keine Kommunikation, weil es keine Mittel der Kommunikation gibt." Ist das nicht schrecklich? Nicht unbedingt. Für den großen Beckett-Forscher Martin Esslin führt die Erkenntnis, dass "alle übernommenen Begriffe trügerisch und sinnlos" sind, dass es keine Gewissheiten gibt, keineswegs in die Verzweiflung. Der Mensch gewinne durch diese Einsicht vielmehr eine neue Freiheit. Becketts Werk sei als Antwort auf ein Jahrhundert zu verstehen, in dem alle Ideologien in Gewalt mündeten. In Becketts "postideologischer und postreligiöser Welt" sei jede Lösung nur noch Illusion. "Bei Beckett ist die wirkliche Wirklichkeit frei von Illusion und Hoffnung", sagte der 82-jährige Esslin. Da diese Leere die "Voraussetzung ist, um eine neue Spiritualität zu finden" sei Beckett "vielleicht der Autor für das 21. Jahrhundert". In Becketts Roman "Molloy" lesen wir: "Denn nichts wissen, das hat keine Bedeutung, nichts wissen wollen auch nicht, aber nichts wissen können, wissen, dass man nichts wissen kann, das ist die Tür, durch die der Frieden in die Seele des Forschers ohne Wissbegierde gelangt". Ob aber die in Berlin versammelten Forscher ihre Wissbegierde zugunsten des Seelenfriedens aufgeben? Man darf seine Zweifel haben - jedenfalls solange der Kongress noch läuft.

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