Berlin : Sanela Šabanović (Geb. 1972)

Bloß nicht vergessen, was mal wichtig war.

Thomas Loy

Fortbewegung ist wichtig. Mit Worten, aber auch sonst. Paragliding oder Jetski? Wenn die Elternzeit für die kleine Selma vorüber ist, würde sie gerne mit Eva nach Sri Lanka fliegen, zu einer gemeinsamen Freundin, die dort lebt.

Fortkommen ist nicht alles. Nach dem Stillenwickelnkochenaufräumen mit Harry auf der Bank vor dem Haus sitzen, schauen, wer vorbeigeht, Rotweinglas in der Hand, lächeln, schwatzen, rauchen, in die Sonne blinzeln. Hinten im Garten spielt Janis, der sechsjährige Sohn, mit den Nachbarskindern. Ein reiches Leben. Ein gutes Leben.

Sanela, sprich: Sanella, oder einfach Nella, wie ihr jüngerer Bruder sie nennt. Geboren in Sarajevo, Bosnien, aufgewachsen in Burgbrohl in der Eifel, Studium in Hessen, praktisches Jahr in Bonn, Aufbaustudium in Holland, gelebt und gearbeitet in Berlin, gestorben in Manavgat, Türkei. Die Orte haben wenig gemein. Sanela liebte das Reisen und wechselte die Ziele. Neugierig war sie auf die Menschen, die sie dort fand, viele Menschen, am liebsten Frauen. An Sanelas 35. Geburtstag waren sie zwölf, redeten über Klamotten, Kinder, Männer, Jobs und tranken Cocktails. Sanela konnte schnell reden.

Sie konnte besonders schnell reden, wenn sie sich über eine Ungerechtigkeit erregte. Sie steigerte sich manchmal hinein, forderte Reaktionen ein – „weisste wie?“.

Für Gerechtigkeit einzutreten, hatte sie sich vorgenommen im Leben. Deshalb studierte sie Sozialarbeit und half bosnischen Kriegsflüchtlingen in Deutschland. Genau wie ihre Eltern, die Flüchtlinge in ihr Haus aufnahmen. „Wir waren manchmal 20 Personen“, erinnert sich der Bruder. Die Sabanovics waren schon in den siebziger Jahren gekommen, um in Deutschland zu arbeiten. Damals gab es noch keine Bosnier oder Serben, nur „die Jugos“. Sie arbeiteten erst für ein eigenes Haus im heute serbischen Teil Sarajevos, dann für ein eigenes Haus in Deutschland.

Sanela war auch strebsam, hatte viele Einsen im Zeugnis. Nach der Schule ging sie noch in die Jugoslawische Schule, um Serbokroatisch und Folkloretanz zu lernen. Oder sie kellnerte, half im Altenheim aus, bügelte Vaters Hemden und gab ihrem kleinen Bruder Nachhilfe, weil die Eltern arbeiteten. Ihr Bruder wundert sich noch heute über so viel Kraft: „Die hatte Power für drei.“

Im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin bekam sie den passenden Job. Als Referentin für Migration reiste Sanela durch Europa, hielt Vorträge, schrieb Artikel, organisierte Konferenzen. Ihre Mutter, die immer mit den Händen gearbeitet hatte, war stolz auf das, was Sanela tat. Die vielen Dienstreisen beeindruckten sie am meisten.

Heiraten fand Sanela eigentlich überflüssig. Sie scheute sich auch ein wenig davor, in ein altes Rollenbild gedrängt zu werden. Dann traute sie sich doch, Harry zu ehelichen. Aber nicht zu Hause in Weiß, mit Verwandtschaft und Imam. Sie flogen nach New York, unterschrieben die Urkunde, jeder behielt seinen Namen, und die Sache war erledigt.

Sie hatte jetzt einen Ehemann, einen Sohn, Janis, und bald ein eigenes Haus. Dennoch blieben Zeitfenster, die sie nur für sich offenhielt, um ihre Freundinnen zu treffen, tanzen zu gehen, den neuen Tarantino-Film zu sehen oder eine Dokumentation über palästinensische Frauen. Sie wehrte sich gegen das Trägheitsgesetz, die Familienferien nur noch an der Ostsee zu verbringen. Bloß nicht vergessen, was mal wichtig war.

Auf dem Laptop ihrer Freundin Eva laufen die Fotos von Sanela in Endlosschleife. Sie ist wieder schwanger. Über dem sanft geschwungenen Bauchrund spannt sich ein Ringelpullover, ein paar Fotos später ist es eine Jeansjacke. Große müde Augen, ein langgezogener Mund, die Lippen offen, dann wieder geschlossen, ein Grinsen, dann wieder ernst. Verspielte Posen vor der Kamera. Ganz unmütterlich.

In den Herbstferien, zwei Monate nach der Geburt von Selma, ihrem zweiten Kind, fliegen alle zusammen in die Türkei. In der Hotelanlage gibt es einen Pool mit Rutsche. Sanela rutscht zusammen mit Janis. Einmal. Ein zweites Mal. Dann steht Janis am Beckenrand und hält Ausschau nach seiner Mutter. Sanela treibt regungslos im Becken. Ihre Lungen sind mit Wasser gefüllt. Ihr Tod ist ein Rätsel.Thomas Loy

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