Berlin : Sanierung des Olympiastadions: Die Bagger krallen sich in den Bauch der Arena

Christian van Lessen

Der Wind pfeift über die öde Fläche, die vor fünf Wochen noch ein intaktes Marathontor war. Wer die so genannnte Null-Ebene vom Haupteingang entlanggegangen ist - den langen Rundgang zwischen Unter- und Oberring - und hier am Ende des nördlichen Halbkreises angekommen ist, fühlt sich wie auf der Kommandobrücke eines Schiffes. Von hier sieht das Stadion wie ein gewaltiger hohler Schiffsbauch aus, in den Abrissbagger pieken. Wäre er ein Bauch mit Gefühlen, hätte er heftige Bauchschmerzen.

Blickt der Besucher von sicherer Warte nach links unten, sieht er Bagger, die sich in den Bauch hineinkrallen, die Betonränge des Unterrings zerhacken und unter seinen Resten gewaltige Sandberge zu Tage fördern. Die Trümmer und der Sand werden durch die Öffnung des einstigen Marathontores unterirdisch abtransportiert. Das Innere des Olympiastadions bröckelt Stück für Stück weg, um Stück für Stück Neuem Platz zu machen, von dem aber noch nichts zu sehen ist. Hinterm westlichen Fußballtor sieht es nach Trümmerlandschaft aus - was Hertha und ihre Fans erst gestern beim Europapokalspiel wieder begutachten konnten.

Ein Stadion mit dieser Abbruchkulisse gibt es wohl nirgends sonst auf der Welt, es wird Sportlern und Zuschauern auf Jahre hinaus immer neue Ansichten vermitteln, denn modernisiert wird bis Ende Dezember 2004 bei laufendem Spielbetrieb, Segment für Segment im Uhrzeigersinn, wobei der Unterring vollständig abgerissen wird. Von den künftig über 76 000 Plätzen werden stets 55 000 zur Verfügung stehen, "das ist versprochen", versicherte gestern wieder Alexander Görbing von der Walter-Bau-AG, die das Stadion nach Plänen des Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner für 473 Millionen Mark saniert und modernisiert, wozu eine Überdachung, neue Sitzreihen im Unterring und die dafür benötigte Absenkung des Innenraums um 2 Meter 65 gehören. Das ist noch Zukunftsmusik von 2002, dann wird das Stadion für Monate wirklich einmal unbespielbar sein, aber in dieser Zeit sind alle Fußballfans sowieso auf die Weltmeisterschaft in Japan und Korea fixiert. Und vier Jahre später wird das Finale hier im Stadion gefeiert, das jetzt erst einmal so aussieht, als wolle man es plattmachen.

"Im Moment ist das eine spannende Phase", sagt Thomas Neubauer von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, der Bauherrin. "So sieht man das Stadion nie wieder". Seit Mitte August, als das Marathontor für die Lkw-Durchfahrt fiel - später wird es wieder aufgebaut - hat sich das Stadion zwar nur an zwei Stellen verändert, aber man sieht hier zum erstenmal etwas vom Innenleben seines Gesteins. Da, wo die Baugeräte den Stahlbeton zerhacken, kommen schillernde Ziegelwände zum Vorschein, die im Sonnenlicht an italienische Bauten erinnern. Beinahe filigran wirkt das rote Mauerwerk am Unterring, gar nicht passend zum Baustil, in dem der Architekt Werner March das Stadion für die Olympischen Spiele 1936 herrichtete.

Düster ist das Stadion mit der Zeit geworden. Seine Mauern, die Natursteine und der Beton, so sie nicht eingerissen werden, müssen in weiten Teilen noch saniert werden. Das Bauwerk, das viele Jahrzehnte Wind und Wetter ausgesetzt war, stand kurz vor den letzten Zügen, bis ihm die Aussicht auf die Fußball-WM 2006 neues Leben einflößte. Es kommt wieder, Stück für Stück, im Unterring der Blöcke J-N wird man schon Anfang nächsten Jahres ein Stück neues Stadiongefühl genießen können, bei veränderter Neigung und neuer "Sichtlinie", aber immer noch mit Trümmerblick vor Augen. Nebenan werden anschließend die Abschnitte O-Q abgerissen, im Juni dann die weiteren Blöcke des Unterrings, während im oberen Teil die Reihen ebenfalls blockweise saniert werden, bis zu 300 Bauarbeiter sollen in Spitzenzeiten beschäftigt sein.

Die Zuschauer werden sich mit der Zeit an ein Olympiastadion gewöhnen müssen, das zugleich alt, modernisiert, saniert und abgerissen ist.

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