Sanierungsbedürftige Hallen : Berliner Sportvereine vor dem Kollaps

Die Flüchtlinge sind ausgezogen, aber die Hallen noch nicht saniert. Viele Sportvereine verlieren deshalb Geld und Mitglieder. Der Senat zahlt pauschal 10.000 Euro, aber das reicht nicht. Ein Beispiel aus Karow.

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Drogerie-Sport. Die Mitglieder der Aerobic-Gruppe treffen sich jetzt in einem ehemaligen Schlecker-Laden in Berlin-Karow.
Drogerie-Sport. Die Mitglieder der Aerobic-Gruppe treffen sich jetzt in einem ehemaligen Schlecker-Laden in Berlin-Karow.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Kirsten Ulrich will jetzt nicht zu anspruchsvoll sein. Yoga, Fit ins Wochenende, Linedance, Body and balance, das sind ja alles Aktivitäten, für die man keine Hightech-Sporthalle benötigt. Da tut’s auch ein leer geräumter Billig-Discounter, und die Säulen, die im Weg stehen, die kann man zur Not noch hinnehmen. Da rutscht dann halt der eine oder andere aus dem Blickfeld. Ist halt so.

Ein anderer Punkt macht Kirsten Ulrich mehr Probleme. „Es kann sein, dass wir in drei Monaten insolvent sind.“ Und da hört dann für die Vorsitzende der Karower Dachse, Präsidentin eines Sportvereins mit 1150 Mitgliedern, der Spaß auf.

Im November 2015 verloren die Karower Dachse ihre zentrale Sporthalle, Flüchtlinge zogen ein. Die Dachse wichen in einen ehemaligen Drogeriemarkt aus, oder auf einen Parkplatz, mit Outdoor-Sport. Im Juli 2016 zogen die Flüchtlinge aus der Halle aus, aber für die Karower Dachse hat sich damit die Situation nicht verbessert.

Bisher ist noch keine Halle saniert

41 Sporthallen in Berlin sind noch mit Flüchtlingen belegt, 4500 Menschen wohnen dort. Betroffen sind also noch mehrere Dutzend Sportvereine. 15 Hallen sind wieder freigezogen. Doch was heißt das schon?

Sehr wenig. Klaus Böger, der Präsident des Landessportbundes (LSB), schnaubt regelrecht, als er auf die Zahlen reagiert. „Noch keine einzige Halle ist saniert und an den Sport zurückgegeben worden.“ Der LSB hatte auch von den Problemen der Karower Dachse gehört. „Wir haben bei der zuständigen Sportverwaltung angerufen“, aber passiert ist bisher nichts. „Die Vereine“, sagt Böger, „haben wahnsinnige Schwierigkeiten, weil sie keine Angebote mehr machen können.“

Nicht jeder Verein wendet sich an den LSB, eine Gesamt-Übersicht über die aktuelle Lage hat der LSB deshalb nicht. Aber Böger sagt ahnungsvoll: „Ich befürchte, dass die Karower Dachse kein Einzelfall sind.“ Ganz sicher nicht. Aber sie stehen stellvertretend für die finanziellen Schwierigkeiten, die Vereine haben. Und dies, obwohl in ihren Hallen keine Flüchtlinge mehr leben. „In unserer zentralen Halle ist noch nicht viel passiert“, sagt Kirsten Ulrich. „Es gibt bis jetzt nur ein Gutachten über die Sanierungskosten.“ 230.000 bis 250.000 Euro.

Pilates findet jetzt im Speisesaal einer Schule statt

Und deshalb ist die Situation des Vereins jetzt so trist wie im vergangenen Winter. Sportangebote fehlen, viele Mitglieder sind sauer. Rund 400 Mitglieder sind seit November 2015 ausgetreten, die Basketball-Abteilung besteht nur noch aus Freizeitspielern. Die Leistungsspieler haben den Klub verlassen, weil weder Trainings- noch Spielbetrieb möglich waren. „Außerdem war der Spielbetrieb nicht mehr finanzierbar“, sagt Kirsten Ulrich.

In der zentralen Sporthalle fand 80 Prozent des Trainings- und Spielbetriebs statt. Der Bezirk Pankow hat zwar Ersatzhallen angeboten, aber die können nur einen Teil der Vereinssportler aufnehmen. Die Mannschaftsportler trainieren dort jetzt. „Wir haben die Frauengruppen ausgelagert, damit Kinderturnen stattfinden kann“, sagt die Vereinschefin. Pilates, Wirbelsäulen- und Vitalgymnastik bieten die Dachse jetzt im Speisesaal einer Schule an.

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Jeder betroffene Club hat 10.000 Euro erhalten

Aber es findet was statt, immerhin. Die spannende Frage lautet: wie lange noch? Die finanziellen Rücklagen reichen noch für vier Monate. 40.000 Euro Verlust hat der Verein bisher gemacht, wenn man mitrechnet, wie viele Einnahmen durch die Vereinsaustritte entgangen sind. Eine Sonderumlage der Mitglieder ist eine Möglichkeit, die angespannte Situation zu verbessern. Eine Insolvenz die andere. Die dritte Möglichkeit freilich wäre Kirsten Ulrich am liebsten: Die Senats-Finanzverwaltung bezahlt die Kosten, die durch die Flüchtlingssituation entstanden sind.

Dummerweise ist diese Möglichkeit aber auch die komplizierteste und langwierigste. 10.000 Euro haben die Dachse vom Finanzsenator bereits erhalten, ein Sockelbetrag, den jeder betroffene Klub bekommt. Damit werden außerordentliche Mieten, Lagerungs- und Transportkosten bezahlt. Bisher haben in Berlin sieben Vereine diesen Sockelbetrag erhalten. Aber das reicht nicht, jedenfalls bei den Dachsen nicht.

Wirtschaftliche Schäden müssen nachgewiesen werden

Allein an Miete bezahlt der Klub monatlich 2000 Euro, dazu kommen Ausgaben zum Beispiel für Materialien oder Transport. Wenn der Klub auch diese Kosten ersetzt haben möchte, muss er einen Antrag stellen. Ein Sprecher der Sportverwaltung sagt dazu: „Beantragt ein Verein Erstattungen von insgesamt mehr als 10.000 Euro, muss er durch Vorlage geeigneter Unterlagen (z.B. Gewinn- und Verlustrechnung, Haushaltsplanvergleich) nachweisen, dass ihm durch die Beschlagnahme der Hallen und deren finanzielle Folgen ein wirtschaftlicher Schaden entstanden ist.“

Bei den Dachsen steht Kirsten Ulrich jetzt vor einer bedeutsamen Frage: „Muss ein Verein erst seine ganzen Rücklagen verbrauchen, bevor er Geld erhält?“ Der Sprecher der Sportverwaltung bleibt da eher vage. „Im Rahmen der Prüfung werden auch eventuelle Rücklagen bewertet. Die betroffenen Vereine verfügen allerdings in der Regel nicht über größere Rücklagen.“

Die Dachse schon, sie haben derzeit noch rund 14 000 Euro als Reserve, aber dieses Geld benötigen sie, weil sie Sozialversicherungsbeiträge nachzahlen müssen. Trampolinspringen und Tuch-Akrobatik sind nach wie vor nicht mehr im Sportangebot, ebenso wenig wie Rhönrad-Fahren. Diese Sportarten sind nur in der zentralen Halle möglich, aber die ist noch nicht saniert. Die 13 Rhönräder des Vereins sind seit Monaten nicht mehr bewegt worden.

Dafür stehen sie jetzt an einem Ort, an dem es genügend Platz für sie gibt: in einem Flugzeughangar in Werneuchen.

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