Sanierungsstau in Berlin : Schulfenster fallen Lehrern auf den Kopf

Eine Schürfwunde und eine Platzwunde trugen Lehrer in Reinickendorf davon, weil die Schulen in marodem Zustand sind. Zugespitzt hat sich auch die Lage am Steglitzer Fichtenberg-Gymnasium. Sorge um Barrierefreiheit

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Gefahrenabwehr. Wo das Geld für Reparaturen fehlt, müssen solche Schilder herhalten, wie hier am Fichtenberg-Gymnasium.
Gefahrenabwehr. Wo das Geld für Reparaturen fehlt, müssen solche Schilder herhalten, wie hier am Fichtenberg-Gymnasium.Foto: Nicole Bartsch-Neumann

Ein knappes Jahr nach dem Absturz eines defekten Fensters an der Charlottenburger Poelchau-Schule ist es jetzt in Reinickendorf zu zwei vergleichbaren Zwischenfällen gekommen: An der Bettina-von-Arnim- und an der Stötzner-Schule wurden Lehrer durch Fenster verletzt, weil Scharniere oder Halterungen versagten. In beiden Fällen gingen Unfallanzeigen an das Bezirksamt. Zeitgleich wurde bekannt, dass in Steglitz-Zehlendorf die alten Brandmelder zu leise sind. Nun sollen Megafone im Gefahrenfall die Aufgabe übernehmen: 50 Stück wurden letzte Woche an die überraschten Schulen geliefert, wie Baustadtrat Michael Karnetztki (SPD) bestätigte.

Über 700 Millionen Euro fehlen allein in zwei Bezirken

Der Beide Bezirke führen die Liste des Sanierungs- und Modernisierungsstaus an den Berliner Schulen an: Steglitz-Zehlendorf liegt mit 410 Millionen Euro vorn gefolgt von Reinickendorf, dem über 300 Millionen fehlen, um Jetzt kommen die aktuellen Probleme noch dazu. Da Gefahr im Verzug ist, mussten die Schäden sofort behoben werden. Reinickendorfs Bauamt habe die Arbeiten an den gefährlichen Fenster fast beendet, sagte am Montag der Leiter der Bettina-von-Arnim-Schule, Ralf Heitmann. Dort hatte sich ein Lehrer eine Schürfwunde zugezogen, als ein Fenster beim Öffnen aus seiner Verankerung riss.

Bauzaun statt Sanierung: Am Fichtenberg-Gymnasium fällt der Putz herunter, aber Geld für die Sanierung gibt es erstmal nicht.
Bauzaun statt Sanierung: Am Fichtenberg-Gymnasium fällt der Putz herunter, aber Geld für die Sanierung gibt es erstmal nicht.Foto: Nicole Bartsch-Neumann

Der Personalrat schlägt Alarm

Noch schlimmer traf es den Kollegen an der Stötzner-Schule: Er erlitt eine Platzwunde am Kopf, als er das Oberlicht aufklappen wollte. „Lehrkräfte leben gefährlich, zumindest dann, wenn sie lüften“, kommentierte Christoph Kohlstedt vom Reinickendorfer Personalrat die Vorgänge. Er hofft, „dass das Land die Mittel für die bauliche Unterhaltung der Schulen aufstockt“.

Tatsächlich werden die Probleme nach den vielen Jahren der Unterfinanzierung immer sichtbarer. Gerade kämpft die Stötzner-Schule auch noch mit einem feuchten Untergeschoss: Der Sockel musste freigelegt werden, damit er abgedichtet werden kann, denn innen fällt die Farbe von den Wänden. Zuletzt war der Sanierungsrückstau in Reinickendorfs Schulen aufgefallen, als im Mai 2014 in der Renée-Sintenis-Schule eine Decke einstürzte.

Probleme für sehbehinderte Schüler und Lehrer

Zugespitzt hat sich auch die Lage am Steglitzer Fichtenberg-Gymnasium. Dort musste noch mehr Putz abgeschlagen werden, damit er nicht unkontrolliert herunterfällt. Die geschätzten Sanierungskosten liegen inzwischen bei 5,4 Millionen Euro. Diese Summe entspricht beinahe dem Gesamtbudget für die bauliche Unterhaltung aller Bezirksschulen. Die Eltern der Gesamtelternvertretung haben jetzt einen "Fichtebrief" entworfen, der von möglichst vielen Betroffenen an die politisch Verantwortlichen verschickt werden soll. Dort geht es auch um das Problem der mangelnden Barrierefreiheit der Schule: Angesichts der Tatsache, dass die Schule schwerpunktmäßig Schüler mit Sehbehinderungen fördert, ist dieser Punkt besonders bedeutsam.

Die Eltern sorgen sich um den Brandschutz

Die Lage sei "demoralisierend", betont Nicole Bartsch-Neumann vom GEV-Vorstand. Sie fragt sich auch, ob die Brandschutzregeln eingehalten werden: Wegen der herabfallenden Putzes stehen überall Gerüste, die die Ausgänge erheblich verkleinern. Die GEV will deshalb einen Brandschutzbeauftragten einschalten. Die Elternschaft hat in der Zwischenzeit etliche Gespräche mit den Verantwortlichen des Bezirksamtes geführt - die erforderliche Millionensumme ist bisher nicht in Sicht.

Völlig unklar ist wegen des großen Defizites auch, bis wann die Brandmeldeanlagen der Bezirksschulen so umgerüstet sein werden, dass die Megafone wieder verzichtbar sind. Dort hatte eine Überprüfung durch den TÜV ergeben, dass der Alarm nicht in allen Schulräumen zu hören ist.

Ein kritischer "Adventskalender" ist in Arbeit

Der Bezirkselternausschuss ist über die Zustände empört und will wie in früheren Jahren wieder einen „Adventskalender“ mit den schlimmsten Fällen zusammenstellen: Steglitz-Zehlendorf hat noch weniger Geld als die anderen Bezirke, weil es weder Mittel aus dem Programm "Aufbau Ost" noch Mittel aus den Programmen für soziale Brennpunkte beanspruchen kann. Elternvertreter vermuten überdies, dass der Schulbereich im Bezirksamt keine hohe Priorität hat und deshalb noch schlechter dasteht als etwa Charlottenburg-Wilmersdorf.

An der Poelchau-Schule waren Schüler die Geschädigten

Wie berichtet, liegt der geschätzte Baubedarf an den Berliner Schulen bei rund zwei Milliarden Euro. Dies hatte kürzlich eine Anfrage des Abgeordneten Martin Delius (Piraten) ergeben. Wenigstens die Poelchau-Schule kann hoffen: Sie bekommt ein neues Gebäude auf dem Olympia-Gelände. Als dort im Dezember 2013 ein Fenster aus der Verankerung riss, kamen Schüler zu Schaden, was eine Mutter publik machte. Die aktuellen Reinickendorfer Fälle brachte der Personalrat ans Licht.

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Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber  die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.
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14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...


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