Berlin : Sara Lindner (Geb. 1984)

Gut ist, wer wenig ist, am besten ist, wer gar nicht ist.

David Ensikat

Man kann die Geschichte auch schnell erzählen: Am Tag ihrer Geburt war Sara 56,5 Zentimeter groß und wog 3580 Gramm, ein strammer kleiner Mensch. An ihrem 18. Geburtstag maß sie 1,64 Meter und wog 48 Kilogramm, eine schlanke junge Frau, etwas zu schlank vielleicht. Als sie starb, mit 23 Jahren, wog sie noch 29,2 Kilogramm.

Weshalb soll man mehr sagen? In den Tagebüchern, die Sara in den letzten Jahren schrieb, steht am Anfang jeder Aufzeichnung das Wichtigste: ihr Gewicht. Warum es das Wichtigste war, warum sich ihr Denken und Tun nur darum drehte – das steht in den Tagebüchern nicht.

Saras Mutter liest die Tagebücher jetzt. Wo sonst sollte sie nach der Antwort suchen? Aber sie findet da nur Sätze der einen Sara. Nichts von der anderen.

Die eine Sara, nennen wir sie die erste, litt unter ihrem Unvermögen, genug zu essen. Als sie mal ein paar Gramm mehr wog als am Tag zuvor, schrieb sie verzweifelt: Sara, jetzt freu dich endlich. Verdammt, jetzt freu Dich. Die erste Sara litt und schrieb und kämpfte. Und sie verlor.

Die andere Sara, die zweite, bleibt verborgen. Es ist jene, die sich das Essen verbot und alles unter Kontrolle hielt. Die mit eisernem Willen gegen das furchtbare Hungergefühl kämpfte. Die noch die Haut über den Knochen als zu viel empfand. Die in Stimmen sprach: Du bist zu fett! Du bist nicht gut! Die ihren ausgemergelten, grausam dünnen Körper fotografierte: ein Zeichen des Triumphes.

Die erste Sara schrieb am 23. November 2006: Du hast zugenommen, hast dich gut gefühlt beim Sport. Sport machst du gerne. Gut fühlen ist auch dir erlaubt! Du magst dein momentanes Aussehen nicht – nimm weiter zu! Zeig es dir und der Welt, dass du das kannst … Lass dir aber auch helfen, dein Essverhalten ist momentan nicht normal. Essen ist lebensnotwendig aber auch Genuss. Ich möchte (wieder) essen können, ohne darüber nachzudenken. Du packst das! Zeig es dir und allen Zweiflern. Falls du wider Erwarten unglücklicher werden solltest, hast du immer noch mindestens einen „Ausweg“.

Ein starker Augenblick: Lass dir aber auch helfen.

Sie war dann doch zu schwach dazu, die erste Sara. Es gab so viele, die ihr helfen wollten. Die Eltern, der Bruder, die Freunde. Sie prallten alle an der zweiten ab.

Wann hat sich die erste von der zweiten getrennt? Die Mutter und die Freunde sprechen von der Zeit kurz nach dem Abitur, 2004. Sara, die gewöhnt war zu bekommen, was sie wollte, die beliebt und glücklich war, gut in der Schule und im Sport, Sara stieß an eine Grenze, zum vermeintlich ersten Mal. Das Studium, das sie wollte, Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste, bekam sie nicht. Ihre guten Zensuren waren nicht gut genug. Sie begann ein anderes Studium, Architektur, und hoffte, irgendwann hinüberwechseln zu können. Vergeblich. Sara zeichnete und trug Mappen in die Kunsthochschule. Die mussten doch sehen, dass sie etwas konnte, und wie sehr sie dieses Studium wollte. Auch das nützte nichts. In diesen Monaten liefen die Dinge aus dem Ruder, so heißt es.

Bisher hatten alle gedacht: Die Sara ist halt eine Schmale, sie achtet ja auch sehr aufs Essen. Jetzt magerte sie ab bis auf die Knochen. Jeder sah jetzt, dass sie krank war. Auch Sara war das klar. Im Frühjahr 2005 ging sie ins Krankenhaus, von ganz allein. So kannte man sie: das starke Mädchen, das die Dinge im Griff hatte. Sie bestimmte auch, dass es nach vier Wochen genug sei und brach die Behandlung ab.

Seither hatten es die Eltern, der Bruder und die Freunde immer auch mit der zweiten Sara zu tun, die sich aber niemals offen zeigte, sich nie erklärte.

Magersucht, merkwürdiges Wort. Wonach ist die Magersüchtige denn süchtig? Nach nichts, nach möglichst nichts. Es mag beginnen mit einer Sucht nach schlanker Schönheit. Aber das ist nur der Anfang. Die Rippen unter der papierdünnen Haut. Das eingefallene Gesicht, Höhlenaugen. Arme so dünn, dass man sie mit Daumen und Zeigefinger umfassen kann. Um Schönheit geht es irgendwann nicht mehr geht. Um Auflösung geht es, um das Verschwinden. Gut ist, wer wenig ist, am besten ist, wer gar nicht ist. Man kann das Wort „ist“ mit einem zweiten „s“ konkretisieren. Ein Jammer, dass es dadurch dicker wird.

Und es geht um Kontrolle. Den Körper kontrollieren, aufs Gramm genau. Beherrschen. Wenn sie mit Freunden ausging, bestellte Sara Wasser. Schwamm eine Scheibe Zitrone drin, fischte sie sie raus.

War es wirklich nur die Sache mit dem Studium? Was war denn davor? Mit 16 kam Sara von einer Ferienreise zurück, da hatte sie beschlossen, Vegetarierin zu werden. Ein Experiment der Stärke. „Mal sehen, wie lang ich das aushalte.“ Sie war schon so dünn, dass ihre beiden besten Freundinnen sich lange überlegten, ob sie etwas sagen sollten. Nur was?

„Sara, kann es sein, dass du zu wenig isst?“

„Was wollt ihr denn, ihr achtet doch auch darauf, nicht fett zu werden!“

Danach sagten die Freundinnen nichts mehr.

Sara machte Sport, sie spielte Badminton und ritt. Sie war gut darin. Doch sie sah andere, die besser waren.

Sara hatte Freunde in der Klasse. Sie war beliebt. Doch sie hatte Angst davor, dass man sich nach dem Abitur aus den Augen verlieren würde.

Die Angst und die Bedenken, das war die erste Sara. Die zweite wurde aktiv: Sie zog sich zurück. Wenn sich die Verhältnisse auflösen, dann durch mich selbst. Sie erschien nicht zu Verabredungen, gab vor, Verpflichtungen zu haben, wenn die Freunde sie zu sich einluden.

War die erste schwach, zeigte die zweite Stärke – gegen sich. Die eine gab das Architekturstudium auf, begann Ausbildungen und wurde noch während der Probezeit entlassen, verliebte sich in Unerreichbare. Die andere feierte Erfolge: Mit wassergetränkter Watte im Magen gegen den Hunger ankämpfen. Und wieder ein paar Gramm Sara weniger. Und jeden Tag ins Fitnessstudio. Du willst essen, Sara? Laufe! Renne! Beweise, dass du kämpfen kannst!

Und wenn da ein Bewerber war, der Sara wollte, dann hatte er es mit den beiden Saras zu tun. Der ersten, die an ihre Liebenswürdigkeit nicht glaubte, und der zweiten, die ihm die kalte Schulter zeigte.

Wer konnte Sara helfen? Jemand, der sie mochte? Davon gab es viele, doch sie glaubte ihnen nicht. „Wer mich lieb hat, kennt mich nicht.“ Sie stahl Dinge, die sie überhaupt nicht brauchte. Um erwischt zu werden. Als wollte sie den Beweis erbringen, wie unwürdig sie war.

Konnten Ärzte helfen? Im Februar war sie bei einem. Zur Mutter sagte der Arzt danach: „Keine Sorge. Die Sara ist am Ball.“ Wer weiß, mit welcher Sara er gesprochen hatte.

Was sollen auch die anderen tun, wenn es nur darum geht, den Mund zu öffnen, zu kauen und zu schlucken? Was bleibt, ist die Münchhausenfrage: Kann sich der Mensch am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen?

Es gibt einen Verein, der hilft, „Dick und Dünn“, da sind die Eltern hingegangen und dann auch Sara. Anfang dieses Jahres war das, 34 Kilo. Zuerst war Sara abweisend, dann interessiert. Zwei Mal war sie bei Gesprächsrunden, die nächste war am 17. März.

Am 16. März, einem Sonntag, fuhr Sara zum Fitnessstudio. Auf der Treppe brach sie zusammen. Erst jetzt sprach man ihr ein Trainingsverbot aus. Als hätte man nicht längst gesehen, dass hier Tag für Tag eine kranke Seele einen kranken Körper schändete. Ein Freund der Eltern brachte Sara heim, ihr Vater trug sie die Treppen hinauf. Sara weinte. Ihre Mutter nahm sie in den Arm, sie ließ das zu. Die erste Sara. Die zweite schwieg jetzt. Zu schwach war dieser kleine, schmale Mensch, um zwei zu sein. In diesem Augenblick.

Am nächsten Tag betrat der Vater Saras Zimmer. Sie lag auf dem Boden, die Augen geschlossen, die Hände auf dem Bauch gefaltet. Um sich herum hatte sie Lebensmittel aufgetürmt, die hatte sie immerzu gekauft. In der Hoffnung, sich zu retten? Als Zeichen ihrer Stärke: All denen widerstehe ich?

Woran Sara gestorben ist, weiß man nicht. Die Obduktion ist noch nicht abgeschlossen. Sie hat sich auf ihren Tod vorbereitet, so steht es im Tagebuch. Wie, das steht dort nicht. Das ist das Geheimnis der zweiten Sara, die noch mal zu Kräften kam und ihren Kampf zu Ende brachte. Kontrolle übers Leben und den Tod. David Ensikat

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