Sarrazin-Äußerungen : Nußbaum übt Wiedergutmachung

Nach Sarrazins Provokationen will sein Nachfolger die türkischen Unternehmer besänftigen. Kein gewöhnlicher Termin für Finanzsenator Ulrich Nußbaum.

Ferda Ataman

Es dauert eine Weile, bis der Finanzsenator in den prunkvollen Räumlichkeiten der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung Berlin-Brandenburg (TDU) am Kurfürstendamm auftaut. „N’Abend, Nußbaum!“, sagt Ulrich Nußbaum steif und reicht den Männern die Hand, die in ihren feinen Anzügen aussehen wie Kollegen. Im Grunde sind sie das auch. „Ich spreche heute mit Ihnen von Unternehmer zu Unternehmern“, sagt der erfahrene Geschäftsführer und Gesellschafter im Fischhandel. Dann kommt Nußbaum schnell zum Kern seiner Botschaft: „Die Geschichte der türkischen Unternehmer ist eine Erfolgsgeschichte“, sagt er.

Auch wenn der Finanzsenator einen anderen Anschein erwecken will – es ist kein gewöhnlicher Termin für den parteilosen Politiker. Er kommt in einer unangenehmen Mission. Er soll das Image der SPD bei Türken geradebiegen, das sein Amtsvorgänger Thilo Sarrazin stark beschädigt hat. Der Sozialdemokrat hatte in einem Interview im November unter anderem gesagt, Türken und Araber hätten „keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel“. Seitdem wird Nußbaums Begleiterin an diesem Abend, die Politikerin Bilkay Öney, von Türken darauf angesprochen, warum ihre Partei es zulasse, dass ihre Landsleute dermaßen durch den Dreck gezogen werden. Vor kurzem hat Öney beschlossen, aktiv zu werden – und Nußbaum gebeten, ein symbolisches Stelldichein bei erfolgreichen Türken abzuhalten.

So kommt es, dass der Senator am Dienstagabend Balsam auf die Kränkungswunden der türkischen Unternehmer schmiert: „Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur gelungenen Integration“, sagt er. Und: „Wir sind stolz auf die Türken in unserer Stadt.“ Dann hebt er die Stimme für einen weiteren Seitenhieb gegen Sarrazin, dessen Namen er nicht erwähnt: „Mir ist es egal, ob jemand ein großes Unternehmen führt oder einen Gemüsestand in Wedding!“ Wer die Produktivität der türkischen Unternehmer anzweifle, habe von Unternehmertum keine Ahnung.

Applaus.

Nach den Schmeicheleien dürfen die Geschäftsleute erzählen, was ihnen auf der Seele brennt. Einige beklagen, wie schwer es ist, mit Namen wie Kaya oder Akgün einen Kredit von der Bank zu bekommen. Andere wünschen sich mehr Unterstützung bei der Ausbildung von Jugendlichen. Nur ein Journalist von einer türkischen Zeitung spricht das unliebsame Thema Sarrazin an: „Sie sind ja deswegen da, können Sie uns bitte sagen, was Sie zu seinen Beleidigungen sagen?“ Nußbaum will nicht so recht, er wiederholt nur, ihm sei jeder Geschäftsmann lieb, egal ob Serbe, Türke oder Pole.

Bilkay Öney will das zerschlagene SPD-Porzellan in Anwesenheit der Journalisten ein für allemal kitten: Sarrazins Provokationen seien innerhalb der Partei diskutiert worden und „jeder hat gesagt, dass das so nicht geht“. Deswegen habe sich der Senator heute so viel Zeit genommen, „obwohl sein Terminkalender bis Juni voll ist“. Nußbaum lächelt verlegen. Ferda Ataman

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