Berlin : Sarrazin hörte zu, sah in die Ferne und nickte

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Flucht in die Krankheit, wenn Unangenehmes bevorsteht? Der Bürger kann das tun, der Politiker muss Steherqualität auch als Rekonvaleszent beweisen, sonst ist alles dahin. Also stand Finanzsenator Thilo Sarrazin die Aktuelle Stunde des Abgeordnetenhauses durch, in der es um die Anklageerhebung gegen ihn ging. Etwas später als die Kollegen war er erschienen, in nachtblauem Anzug, weißem Hemd, hellblauer Krawatte, den Aktenkoffer in der Rechten, nicht in Plauderstimmung. Anderthalb Fragestunden saß er ab. Als fühlten sich die Abgeordneten dem frisch am Ohr Operierten verpflichtet, sparten sie ihn beim Fragen aus. Sarrazin bearbeitete Post, während die neben ihm sitzende Sozialsenatorin Heidi KnakeWerner durch Hartz IV getrieben wurde. Dann machte CDU-Fraktionschef Nicolas Zimmer den Auftakt beim Versuch, den der Untreue Angeklagten zu demontieren.

Sarrazin gehört zu den Pokerface-Politikern. Sie gucken irgendwohin, wenn sie angesprochen werden, zuhörend, doch nicht reagierend. Nur wenn es richtig bewegend wird, sieht er den an, der da redet. Zimmer bekam nicht viele Blicke ab. Sarrazin in seinem Sessel außen in der rechten Senatorensitzreihe sah über die CDU- und FDP-Abgeordneten hinweg. Doch als Zimmer von der Staatsanwaltschaft als „objektiver Behörde“ sprach, schien Sarrazin leicht irritiert – als komme ein Kopfschütteln tief aus seinem Innern. Als Zimmer auf die „übermenschliche Belastung“ eines angeklagten Politikers zu sprechen kam und dann sagte: „Ich traue Ihnen eine ganze Menge zu“ – nickte Sarrazin leicht, fast trotzig.

Zu nichts anderem ließ er sich hinreißen, nicht bei den Verteidigungsreden, nicht bei der zolaesken Anklage des Grünen-Fraktionschefs Volker Ratzmann. Nur FDP-Fraktionschef Martin Lindner fing sich lange Blicke von Sarrazin ein. Es muss daran gelegen haben, dass Lindner Komplimente machte und ihm dann ohne die gewohnte Polemik „einen geordneten Rückzug“ nahe legte: „Überlegen Sie sich, was auf Sie zukommt!“ Sarrazin sah in die Ferne und dann neugierig den Redner an. wvb.

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