Berlin : Sarrazin: Universitätsmedizin behält vier Standorte

Finanzsenator garantiert Bestand des Benjamin Franklin Klinikums. Er hält aber an der Aufgabe der vorklinischen Ausbildung fest

Uwe Schlicht

Die Verteilung der Charité auf vier Standorte „wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern“. Das erklärte Finanzsenator Thilo Sarrazin auf einer stürmisch verlaufenden Diskussion mit Hochschulmedizinern im Klinikum Benjamin Franklin der Charité. Anlass für die Diskussion war die von Sarrazin und dem Senat durchgesetzte Aufgabe der vorklinischen Ausbildung in Dahlem im Bereich der Freien Universität. Mediziner und Naturwissenschaftler der FU werten diesen Eingriff nicht nur als Tabubruch, sondern auch als Signal, dass als nächster Schritt der gesamte Standort Benjamin Franklin zur Disposition gestellt werde. Sie erinnerten an die ursprünglichen Pläne des Senats von 2001, das damalige Klinikum Benjamin Franklin in ein städtisches Krankenhaus umzuwandeln, weil der Senat 98 Millionen Euro in der Hochschulmedizin sparen wollte.

In der Standortfrage konnte Sarrazin die aufgebrachten Zuhörer beruhigen. „Prinzipiell ändern wir nichts an den vier Standorten“, versprach der Finanzsenator. „Über die Frage, welches Gewicht der einzelne Standort haben soll, diskutieren wir.“ Bekanntlich wird die Charité gemeinsam von der Humboldt-Universität und der Freien Universität getragen und verteilt sich auf die Standorte Mitte, Wedding, Steglitz und Buch.

Auch in einem anderen Punkt konnte Sarrazin die Zuhörer beruhigen. Bisher ist die Charité eine Gliedkörperschaft der beiden Universitäten und steht damit in öffentlicher Trägerschaft. Aber wegen der Finanznot des Landes Berlin wird immer wieder über die Frage der Privatisierung diskutiert. Sarrazin äußerte hierzu, er könne keine Antwort für die nächsten 30 Jahre geben, aber für die Zeit bis zum Jahr 2010 „sehe ich weder Vivantes noch die Charité ganz oder teilweise in privater Eigentümerschaft“. Beide Großkliniken würden auf lange Zeit selbstständige Einrichtungen bleiben.

Unnachgiebig blieb Sarrazin in der Frage der Aufgabe der Vorklinik. Vor der großen Sparwelle wurden in Berlin zur vorklinischen Ausbildung bis zu 1200 Studienanfänger zugelassen. Heute sind es nur noch 660. Angesichts dieser Halbierung hält Sarrazin eine weitere vorklinische Ausbildung sowohl in Dahlem als auch in Mitte für unwirtschaftlich. Während der Aufsichtsrat der Charité mehrheitlich die vorklinische Ausbildung an beiden Standorten aufrechterhalten wollte, kündigten Sarrazin und Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS/Linkspartei) an, dass sie den Aufsichtsratsbeschluss nicht akzeptieren und durch einen Senatsbeschluss ersetzen würden. Einwände aus dem Publikum, dass Sarrazin damit die akademische Selbstverwaltung missachte und die Autonomie verletze, wies Sarrazin als lächerlich zurück. Man könne die universitäre Selbstverwaltung nicht verabsolutieren. Das Land Berlin sei schließlich Eigentümer der Grundstücke. Deswegen „muss der Staat immer in den Universitäten mitreden“. Er habe mit der Charité die Kostenfrage abgestimmt und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Aufgabe der Vorklinik in Dahlem Ersparnisse in Höhe von 30 bis 40 Millionen Euro bringen werde. Ihm sei nicht zu vermitteln, dass die Wissenschaft durch die Einstellung der Vorklinik in Dahlem bei einer S-Bahn-Entfernung von 20 Minuten Dauer zur Charité beeinträchtigt werde, erklärte Sarrazin.

Einen optimistischen Ausblick in die Zukunft gab Charité-Klinikumsdirektor, Behrend Behrens. Während vor kurzem noch damit gerechnet worden sei, dass die Charité 260 Millionen Euro bis zum Jahr 2010 einsparen müsse, seien es jetzt nur noch 160 Millionen. Das sei das Ergebnis einer Sparpolitik, aber auch einer verbesserten Bewertung der Hochleistungsmedizin in den neuen Fallpauschalen.

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