Sarrazins Freunde : Unterstützung für den Provokateur

Vor dem SPD-Landesparteitag am Samstag ist die Stimmung in der Partei angespannt. Einige Genossen fordern weiter Sarrazins Rücktritt, seine Freunde verweisen jedoch auf die Erfolge als Senator.

Werner van Bebber

BerlinAn Freunden fehlt es ihm nicht – auch wenn Thilo Sarrazin jetzt von den SPD-Linken rhetorische Prügel bezieht. Der Finanzsenator hat sie mit seiner Fünf-Euro-Bemerkung zum Mindestlohn mächtig provoziert. Doch wenn nun einflussreiche Wortführer der Linken wie Mark Rackles Sarrazins Rücktritt oder seine Entlassung fordern, halten andere, auch nicht ganz unwichtige Genossen dagegen. Sie sehen in den Zornesausbrüchen von Rackles oder dem SPD-Bundestagsabgeordneten Swen Schulz Profilierungsversuche vor dem Landesparteitag.

Dort wird sich der Senator mit dem Hang zu politisch unkorrekten Sprüchen wohl nochmal Schelte abholen. Sarrazin hatte in einem Interview mit der Zeitschrift „Cicero“ gesagt, er würde auch für fünf Euro arbeiten. Fünf Euro netto waren gemeint – doch verletzte Sarrazin damit das Dogma vom Mindestlohn, den die SPD gern auf 7,50 Euro festlegen würde. Auch Parteifreunde, die es gut mit ihm meinen, verstehen nicht, was Sarrazin mit der Bemerkung erreichen wollte. Er hätte wissen müssen, was er da anrichtet, sagt ein Sarrazin-Anhänger über des Senators leichtfertigen Umgang mit der Mindestlohndebatte, in der die SPD zwischen dem Bundeskoalitionspartner Union und der linken Opposition zerrieben zu werden droht. Sarrazin „macht es einem schwer“, zu ihm zu halten, so der Genosse.

Man müsse Sarrazins Bemerkung noch nicht mal als Beitrag zur Mindestlohndebatte verstehen, sagt Annette Fugmann-Heesing. Die Finanzsenatorin a. D. hat wie Sarrazin ihre Erfahrungen mit der Sparfreudigkeit der SPD gemacht. Sie weist darauf hin, dass Sarrazin in dem Interview die Summe von fünf Euro pro Stunde ausdrücklich als seinen persönlichen Mindestlohn bezeichnet habe. „Er hat sich nicht zur Mindestlohndebatte geäußert“, sagt Fugmann-Heesing. Ein großer Teil der Aufregung gehe also von Leuten aus, die Sarrazins Interview nicht gelesen hätten. Dass er wegen einer solchen Bemerkung sein Amt verlieren soll, hält sie für absurd. Sarrazin sei „ein guter Finanzsenator“, und einen solchen brauche Berlin.

Der SPD-Abgeordnete Fritz Felgentreu rät aufgebrachten Parteifreunden dazu, sich abzuregen. Für ihn steht Rackles’ Rücktrittsforderung in direktem Zusammenhang mit dessen Laufbahnplanung. Der Mann vom linken Flügel wolle am Sonnabend für drei Ämter kandidieren und vorher noch mal richtig Stimmung für sich machen, meint Felgentreu.

Er ärgere sich auch manchmal über Sarrazin, sagt Felgentreu. Doch Provokationen wie die von Sarrazin könne sich nur jemand leisten, der an anderer Stelle – in seinem Amt – unanfechtbar sei. Und auch abgesehen von seinen Leistungen als Finanzsenator sei Sarrazin ein Gewinn für die Politik, denn er sei eben „nicht stromlinienförmig“, lobt Felgentreu. Ähnlich sieht es Ralf Wieland, der Vorsitzende des Hauptausschusses im Abgeordnetenhaus. Sarrazin habe diesmal „unnötig provoziert“, rügt Wieland, aber er gehöre ganz entschieden nicht zu denen, die sagen: Je früher Sarrazin gehe, desto besser.

Auch die Sarrazin-Verteidiger in der SPD wissen allerdings nicht, was den Finanzsenator zu seinen politischen Unkorrektheiten treibt. Er habe sich eine gewisse „Narrenfreiheit“ durch seine entschiedene und erfolgreiche Finanzpolitik erworben, sagen viele. Doch dass Sarrazin mit seinen Bemerkungen über die Höhe von Hartz IV sozusagen die SPD-Programmdebatte beeinflussen wolle, glauben auch seine politischen Freunde nicht. Da ist ihnen der Senator ein Rätsel.

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