Berlin : Satanistin wurde vor Gotteshaus gefasst

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Von Katja Füchsel

Charlottenburg. Touristen schlendern Eis schleckend über den Platz. Auf den Treppen lassen Obdachlose die Bierdose kreisen. Fast alles normal auf dem Breitscheidplatz, nur das Schild an der verriegelten Kirchentür hängt sonst nicht hier. „Heute bleibt die Kirche geschlossen“, steht darauf. Auswirkungen der jüngsten Altarschändung? Pfarrerin Sylvia von Kekulè winkt ab. „Wir haben heute einen Betriebsausflug.“

Vergessen hat die Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche den Schrecken aber noch nicht. Am Montag hatte eine Gruppe Satanisten, wie berichtet, das Gotteshaus geschändet. Drei Jugendliche stürmten in die Kirche, schlitzten sich die Haut an den Armen auf. „Einer schnitt sich in die Brust, zwei in die Arme“, sagt Kekulé. Die Jugendlichen sind der Pfarrerin bereits früher aufgefallen, eine Gruppe von 10 bis 15 Jugendlichen. Mit langen, schwarzen Mänteln. Zerrissenen Strumpfhosen. Schweren Silberketten, schwarz geschminkten Augen und Lippen. „Immer wenn’s warm wird“, ließen sich die Jugendlichen auf den Bänken oder Treppen am Platz nieder. Probleme gab es mit ihnen bislang keine.

Als am Montagnachmittag die Jugendlichen vor dem Altar das Messer ansetzten, ging sofort einer der Kirchwarte dazwischen. Der Mann wurde wüst beschimpft, dann zog das Trio ab. Wenig später kam eine junge Frau mit einem umgedrehten Kruzifix um den Hals zurück, schnitt sich in Arme sowie den Oberkörper und ließ das Blut in ein Taufbecken laufen. Etwa 20 Besucher verfolgten das Ritual sprachlos, dann informierte jemand die Polizei. Als die Beamten eintrafen, war die Erscheinung in Schwarz verschwunden und zunächst auch in der Umgebung nicht auszumachen.

Doch gegen 17.40 Uhr waren sie wieder da, saßen auf der nördlichen Seite des Breitscheidplatzes. Die Beschreibung der Zeugen passte auf eine 15-Jährige, die dann auch der Kirchenwart eindeutig wiedererkannte. Sie hatte eine Rasierklinge dabei und mehrere Schnittverletzungen am Körper. Die Polizei erteilte der 15-Jährigen einen Platzverweis, außerdem kommt jetzt ein Ermittlungsverfahren wegen Hausfriedensbruchs und Störung der Religionsausübung auf sie zu.

Ein verwirrter Einzelfall? Über die „schwer zugängliche Szene der Satanisten“ gebe es nur wenige Informationen, sagt die Sektenbeauftragte Anne Rühle. „Wir haben keinen wirklichen Überblick über die Szene.“ Der Jugendsatanismus finde vor allem aus einem Grund seine Anhänger: „Es ist eines der letzten Tabus, wo Jugendliche Eltern und Lehrer noch in Aufregung bringen können.“ Seitdem der Prozess um das thüringische Satanistenpaar Schlagzeilen geschrieben hat, reagierten Familien und Schulen sensibler auf das Phänomen. „Deshalb sind in den vergangenen Monaten häufiger Fälle bekannt geworden“, sagt Rühle. Etwa zwei Mal im Monat würden Satanshandlungen gemeldet: zumeist von Eltern, die Kinder und Freunde zu Hause bei „Blutspielen“ erwischten. Im Fall der Gedächtniskirche aber handele es sich um mehr als nur um einen Scherz. Die Jugendlichen bräuchten vor allem therapeutische Hilfe, sagt die Sektenbeauftragte. „Satanismus ist ein Symptom.“

Eine Berliner Kirche schändeten Satanisten zuletzt im Februar. Im Pankower Gotteshaus „Zu den vier Evangelisten“ stellten sie ein Altarkreuz auf den Kopf.

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