Satire auf DDR-Wandmosaik "Unser Leben" : Genossen, was ist aus euch geworden?

Schwarzer Humor statt Propaganda: Der Berliner Künstler Michael Wäser hat das bekannte DDR-Wandfries am Haus des Lehrers neu interpretiert.

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In Walter Womackas Original kämpft die Dreierbande Fahnen schwenkend für den Sozialismus. In der Satire ist der NVA-Soldat zu einem Schausteller für Touristen am Brandenburger Tor geworden. - Foto: VG Bild Kunst, Bonn 2015 / Michael Wäser
In Walter Womackas Original kämpft die Dreierbande Fahnen schwenkend für den Sozialismus. In der Satire ist der NVA-Soldat zu...Fotos: Michael Wäser

Seit einem halben Jahrhundert zeigt ein riesiges Mosaik am Haus des Lehrers in Mitte das Leben in der DDR – so, wie es sein sollte: Fahnen schwenkende Arbeiter, zufriedene Bauern und Ingenieure, die mit dem Rechenschieber bewaffnet Atomkraftwerke entwerfen. Eine schöne heile Welt des Sozialismus, pathetisch vorgetragen in einzelnen Szenen auf 125 Metern rund um das Gebäude. „Unser Leben“ heißt das Werk von Walter Womacka, der durch eine Reihe an Auftragsarbeiten für den SED-Staat in den Ruf eines Staatskünstlers kam.

Wie könnte dieses Wandbild aussehen, wenn es das Leben in Berlin und Deutschland heute abbildet, ähnlich plakativ aber ohne Zwang zu staatlicher Propaganda? Das fragte sich vor einiger Zeit der Berliner Künstler Michael Wäser. Den 50-Jährigen, der im Saarland aufgewachsen ist und mehrere Romane verfasst hat, hatte das Werk aus den Sechziger Jahren schon länger fasziniert: „Ich wollte schon immer mal einem dieser Typen ein Handy in die Hand drücken“, sagt er. So zeichnete er Womackas Fries nach, Szene für Szene am Computer und veröffentlichte das Ergebnis auf seiner Webseite. Wäsers digitaler Doppelgänger sieht seinem Vorbild auf den ersten Blick sehr ähnlich, doch die Welten Womackas und Wäsers könnten gegensätzlicher kaum sein.

Schrille Satire grotesker Staatskunst

Wo im Original gelehrigen Kindern die Welt erklärt wird, resignieren die Pädagogen in der Satire oder begehen Selbstmord im Klassenzimmer. Auch die Kinder, gerade noch willig für den Dienst am Sozialismus, verkehren ihre Fröhlichkeit in Egozentrik, hantieren mit Selfiesticks und scheinen sich nach nichts mehr zu sehnen als einer Drogenkarriere. Mütter, die an der Westseite des Gebäudes mit ihren Kindern durch eine Art Garten Eden schreiten, vergöttern in der Neuinterpretation ihre Babys bis zur Selbstaufgabe.

Eine Satire auf "Unser Leben"
Der Künstler und Autor Michael Wäser hat das bekannte Mosaik "Unser Leben" von Walter Womacka am Haus des Lehrers in Berlin-Mitte neu interpretiert. Auf diesem Original-Ausschnitt der Westseite scheint ein Mann das Modell des Atoms und das heliozentrische Weltbild in der linken Bildhälfte zu segnen, die Frau hinter ihm entlässt eine Friedenstaube in eine blumige Welt. Das 1964 fertiggestellte Fries aus 800.000 Mosaiksteinen umläuft das Gebäude und reflektiert die Propagandasicht des Staates auf das Leben im Sozialismus. - Foto: VG Bild Kunst, Bonn 2015 / Michael WäserWeitere Bilder anzeigen
1 von 24Originalfries von Walter Womacka
28.10.2015 07:48Der Künstler und Autor Michael Wäser hat das bekannte Mosaik "Unser Leben" von Walter Womacka am Haus des Lehrers in Berlin-Mitte...

Und was ist aus den fleißigen Ingenieuren geworden, die bei Womacka fröhlich Atomkraftwerke und Sendemasten für den Hörfunk entwerfen? Sie lassen den Pannenflughafen BER scheitern oder bauen Prothesen für verletzte Bundeswehrsoldaten. „In Berlin wird ohnehin kaum noch etwas produziert“, meint Wäser. Allein den Medienbereich sieht er im Wachsen, folgerichtig wird in einer Szene ein Porno gedreht.

Völkerfreundschaft blieb nur Propaganda

Die Künstler, bei Womacka noch mit einer staatstragenden Rolle als Lehrer des Volkes versehen, schrumpfen zu Graffiti-Sprayern, die sich bei illegalen Aktionen filmen, um im Internet damit anzugeben. Auch die verordnete Völkerfreundschaft des Ostens greift Wäser auf: "Es hat sie nie gegeben", sagt er und zeigt Flüchtlinge im Schlauchboot an jener Stelle, an der sich bei Womacka Menschen verschiedener Hautfarben umarmen.

Michael Wäser (50) hat als Schauspieler gearbeitet, Romane und Übersetzungen geschrieben. Sein digitales Wandfries veröffentlichte er auf: berlinmosaik.wordpress.com/
Michael Wäser (50) hat als Schauspieler gearbeitet, Romane und Übersetzungen geschrieben. Sein digitales Wandfries veröffentlichte...Foto: Promo

Beide Werke verbindet viel Groteskes - eine Feststellung, die Walter Womacka nicht mehr stören muss: Der Künstler ist 2010 im Alter von 84 Jahren verstorben, die Gegend am Alexanderplatz prägt er jedoch bis heute. Gegenüber vom Haus des Lehrers hängt ein Kupferfries von ihm am Haus des Reisens, auf dem Alex plätschert der Brunnen der Völkerfreundschaft. Alle drei Werke stehen heute unter Denkmalschutz. Vom Abriss verschont blieb zudem eine Glaswand mit der Geschichte der Arbeiterbewegung im ehemaligen Staatsratsgebäude, und an der Friedrichsgracht wurde vor zwei Jahren ein riesiges Wandgemälde Womackas aus der Versenkung geholt.

Was in Berlin von der DDR übrig blieb
Am Bahnhof Lichtenberg vergammelt seit 1989 einer der letzten "ICE der DDR" - ein legendärer Zug. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos von Überbleibseln der DDR in Berlin an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 154Foto: Henning Onken
21.06.2017 14:01Am Bahnhof Lichtenberg vergammelt seit 1989 einer der letzten "ICE der DDR" - ein legendärer Zug. Liebe Leserinnen, liebe Leser:...

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