Berlin : Satire bis jenseits der Schmerzgrenze

Thomas Loy

Wissen Sie, was ein "Goldiger Turboschwurbel" ist? Können Sie sich unter "Nationalen Beinfleischstreifen" etwas vorstellen (und dabei nicht an Frankfurter Geschnetzeltes denken)? Schon von den "ölln-Papieren" gehört? Nein? Keine Ahnung? Das ist bitter für Sie. 10 Jahre Aufklärung verpasst. 10 Jahre "die wahrheit" nicht gelesen. Wie sagte schon Max Frisch: Wahrheit lässt sich nicht zeigen, nur erfinden.

So kam es denn, dass die taz vor 10 Jahren die Wahrheitsseite erfand, um endlich aufzuräumen mit der verlogenen Realität - so sagen jendenfalls die Macher. Beschrieben wird das wahre Leben, das es nur im fiktiven geben kann: Zum Beispiel der geplante Hollywoodstreifen über Außenminister Joschka, gespielt von Al Pacino. Die Boulevardpresse war begeistert, endlich vermelden zu können, was man schon immer für unvermeidlich gehalten hatte. Keine Seite einer deutschen Tageszeitung hat so viele Gegendarstellungen, Verleumdungsklagen oder Wutausbrüche ausgelöst wie die Wahrheit.

taz-Redakteur Michael Ringel kann sich eigentlich nicht erklären, warum so viele Menschen an "die wahrheit" glauben, selbst im eigenen Haus. "die wahrheit" ist gespickt mit heiterer, aber vor allem bissiger und bisweilen boshafter und obszöner Satire, die sich gerne gegen harmlos-freundliche Zeitgenossen wie Peter Maffay, Sabine Christiansen oder Marcel Reich-Ranicki richtet. Generalsatiriker Wiglaf Droste hat eigentlich schon alle beschimpft, die es über die Schwelle öffentlicher Wahrnehmung geschafft haben. Weil er Soldaten als "Waschbrettköpfe" beschimpfte, ist er gerade wieder auf Bewährung. Drostes Humor ist ätzend, die grobe Verunglimpfung von Freund und Feind ist sein Markenzeichen. Seine Opfer findet er auch in den eigenen Reihen.

So musste sich wahrheit-Autor Jürgen Roth vor Jahren zum "Frankfurter Lärmlobbyisten" mit einem Hang zur "Dübelverherrlichung" herabsetzen lassen. Die irischen Sottisen aus der Feder von Ralf Sotschek, ebenfalls ein langjähriger Lieferant der Wahrheitsseite, kommen schon weitaus friedlicher daher. Die Iren, so sehr sie auch der katholischen Irrlehre anhängen, muss man als tazler einfach gerne haben. Die taz-Satire habe nur eine "Stoßrichtung", sagt Ringel. Da gehe es immer gegen die Mächtigen. Und weil die taz eher arm ist, sich also keine Party-IMs wie Bild oder Gala leisten kann, muss sie sich eben ausdenken, was bei Kanzlers so los ist, und warum Gunda Röstel bald an die Stelle von Doris Schröder-Kopf treten wird. Der Zeichner "Tom" ist durch die Wahrheitsseite längst zu Ruhm und Ehre gekommen. Dafür bleibt er ihr treu und liefert mit äußerster Disziplin jeden Tag drei Witzbilder aus dem Berliner Milljöh. Die taz redet nicht rein und lehnt nicht ab, sagt Tom. Das unterscheidet sie von anderen Redaktionen. Seine Comics müssen nicht aktuell sein und stoßgerichtet über die Stränge schlagen wie die satirischen Texte. Im September durfte er nach zehn Jahren zum ersten Mal drei Wochen aussetzen - das Tom-Touché wurde von Kollegen nachgestellt.

Von Tom mal abgesehen, leben die Verkünder der taz-wahrheit durchaus gefährlich. An Bombendrohungen sei man schon gewöhnt, erzählt Ringel. Seit er vor einigen Monaten einen Spottvers über den Gott der Muslime reimte, muss er auch die Fatwa fürchten. Die islamische Gemeinde überschüttete ihn mit wütenden Briefen und Anrufen. Sogar ein gewisser "Osama bin Laden" meldete sich. Ringel leistete öffentlich Abbitte, verpackte sie aber in eine Reihe süffisant vorgetragener Erklärungsversuche. Wie sagte schon Kurt Tucholsky: Satire darf alles. Und für die "wahrheit" müsse man sich nicht entschuldigen.

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