Satire: Wedding für Fotografie-Touristen : Wedding-Tony und Wittgenstein

Ganz Berlin ist gentrifiziert. Ganz Berlin? Nein, der kleine Wedding leistet weiterhin Widerstand. Aber auch hier sind sie schon gesichtet worden: Englisch sprechende Entdecker des "echten Berlins", mit Fotoapparat um den Hals. Eine Satire

Wolfgang Keller
Wolfgang Keller lebte und arbeitete bis Ende der 90er Jahre im Wedding.
Wolfgang Keller lebte und arbeitete bis Ende der 90er Jahre im Wedding.Foto: privat

Anthony „Tony“ Smith, Fotograf und Sohn englischer Diplomaten, ist viel in der Welt herumgekommen. Wir treffen ihn im Kackstuhl, einer dieser typischen Souterrain-Destillen, die den Wedding prägen wie keinen anderen Teil der Stadt. Warum es ihn im Dezember 2013 ausgerechnet in den Wedding verschlagen habe, fragen wir Tony. Er erzählt, wie er in Singapur Freunde getroffen habe, die vom Wedding geschwärmt hätten. Das habe ihn gereizt, die Koffer zu packen, um nach Berlin zu fliegen. Sein Eindruck sei sofort überwältigend gewesen, erklärt der 23-jährige Rotschopf begeistert.

An den Wänden des Kackstuhls hängen Tonys ambitionierte Fotos. Ansonsten ist die Einrichtung derb und schmucklos. Der Wirt tritt an den Tisch und begrüßt uns herzlich. Er freut sich, dass uns sein Laden gefällt. Erst habe er eine Shisha-Bar daraus machen wollen, aber dann sei ihm aufgefallen, dass im Wedding mittlerweile mehr junge Briten als Türken oder Araber wohnen würden. Und die schätzten eben das unverfälschte Zille-Milieu. Darum habe er das Lokal so erhalten, wie es 1912 eröffnet wurde; einschließlich des Namens.

Wir bestellen Stew und Stout. Mittlerweile ist der Schankraum gefüllt, alle Mixed-Pickles-Fässer sind besetzt. Bereits zehn Tage nach Tonys Ankunft erschien der opulente Fotoband Wedding by day, worin es im Vorwort heißt: „Electric, lively: today Wedding is amongst Europe’s most thrilling places.“ Tony nickt bekräftigend, nachdem er den Satz vorgelesen hat und fügt im besten Deutsch hinzu, dass der Kackstuhl praktisch zu seinem Wohnzimmer geworden sei. Vom Adlon aus starte er täglich seine Rundgänge und lande immer hier. Besonders zu schätzen gelernt habe er das hiesige Morgen- und Abendlicht. Auf Nachfrage gibt er preis, dass seine zwei nächsten Fotobände Wedding in theEvening und Wedding in the Morning heißen würden.

Spielerische Handhabung der Kamera

Wir sprechen nun über Tonys beruflichen Werdegang. Schon seit dem achtzehnten Lebensjahr, mittlerweile also ein halbes Jahrzehnt, fotografiere er digital. Und tatsächlich, die absolute Schärfe der Fotos beweist seine spielerische Handhabung der komplizierten Kameratechnik. Um kein Motiv zu verpassen, trage er den Fotoapparat trotz dessen Schwere stets bei sich, sagt er. Als das Essen serviert wird, zeigt der Wirt auf das Foto direkt hinter uns an der Wand. Es sei sein Lieblingsmotiv, gesteht er. „Cemetery“ heißt das Bild, das ein Hinweisschild der Friedhofsverwaltung zeigt; eine Ecke des Schilds ist abgebrochen.

Cemetery - "ein verstörendes Motiv von unausweichlicher Präsenz.."
Cemetery - "ein verstörendes Motiv von unausweichlicher Präsenz.."Foto: Wolfgang Keller

Das Foto ziert auch den Umschlag des opulenten Fotobandes, sodass wir Tony um eine kurze Deutung dieses verstörenden Motivs von unausweichlicher Präsenz bitten. Das beschädigte Hinweisschild verweise wie selbstverständlich darauf, dass sich die Friedhofsverwaltung bei sich selbst melden möchte, um dem Schaden am Hinweisschild abzuhelfen, bevor es seinen Sinngehalt gänzlich verlieren würde, erläutert er und lässt kurz seine gründlichen Wittgenstein-Studien aufblitzen.

Ein Blick in die Runde, wie auch in den opulenten Fotoband beweist, dass alle anderen Fotos auf nie gestellte Fragen antworten. Ja, er habe Wittgenstein bildsprachlich zu überwinden gelernt, gibt Tony zu. Fast noch erstaunlicher erscheint uns die Tatsache, dass Tony zu fast jedem seiner Motive angibt, wie es verkehrstechnisch zu erreichen ist.

Als wir die Stufen herauf ins gleißende Licht steigen, sagt uns Tony, dass er für die weitere Zukunft Gänge durch den Prenzlauer Berg und das Regierungsviertel im Auge habe. „Selbstverständlich“, antwortet er, als wir fragen, ob sein schwerer Fotoapparat dabei wieder zum Einsatz käme. So wird Tony Berlin und Berlin Tony glücklicherweise noch einige Zeit erhalten bleiben.

Wolfgang Kellers Weddinger Wurzeln überspannen ein ganzes Jahrhundert. Sein Urgroßvater war Pferdedroschkenunternehmer in der Kösliner Straße, sein Großvater 1929 Zeuge des ‚Blutmais’, seine Mutter Autolampenmonteurin bei Osram. Bis 1985 wohnte Keller in der Transvaalstraße, heute in Kreuzberg. Bis Ende der 90er Jahre arbeitete er im Antiquarat in der Willdenow- Ecke Burgsdorfstraße. Seine (ernst gemeinte) Entwicklungsprognose für den Wedding: "Die Strukturen scheinen recht gefestigt, im Positiven wie im Negativen. So schnell und kräftig wie über dem Prenzlauer Berg wird die Renditesonne über dem Wedding nicht aufgehen." Kellers Reisebericht "Goethe (und ich) in China" erschien als Ebook.

Dieser Beitrag erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.

2 Kommentare

Neuester Kommentar