Saubere Sache - Gemeinsame Sache : Schöneweide: Elektropolis soll wieder leuchten

Der Industriesalon Schöneweide pflegt die Erinnerung an das historische Zentrum der Berliner Elektroindustrie.

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Der ehemalige Industrie-Standort der DDR Berlin-Oberschöneweide.
Der ehemalige Industrie-Standort der DDR Berlin-Oberschöneweide.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Kabeltrommeln sind klein und aus Plastik. Diese hier ist anders. Ein übermannsgroßes Wagenrad aus Holz und Stahl, in doppelter Ausführung. Das Riesending, Baujahr 1977, steht vor dem Industriesalon in Oberschöneweide und symbolisiert die industrielle Revolution der Elektrifizierung am Ende des 19. Jahrhunderts – und deren Basis: das Elektrokabel.

Die Kabeltrommel braucht dringend Hilfe, damit sie als Denkmal der Industriegeschichte erhalten werden kann. Am Aktionstag hofft der Industriesalon auch auf Hilfe der Berliner. Dann soll unter anderem die Trommel aufgemöbelt, repariert und mit einem neuen Anstrich vor Wind und Wetter geschützt werden.

Sehenswert ist hier einiges

Auch die Umgebung von Trommel und Salon kann ein paar helfende Hände gut gebrauchen. Es hat sich viel Staub angesammelt von den Baustellen nebenan, wo Schauhallen, Künstlerateliers, ein Fotostudio und vielleicht ein Club entstehen. „Hinter unserer Halle sprießt das Unkraut schon beinhoch, und seit dem letzten Sturm ist Teerpappe von der Baustelle des britischen Künstlers Bryan Adams hier gelandet.

Wir kommen alleine einfach nicht dagegen an“, erzählt Susanne Reumschüssel, Projektleiterin des Industriesalons. Zusammen mit einem ehrenamtlichen Team – vornehmlich Ingenieure aus dem ehemaligen Werk für Fernsehelektronik (WF) – widmet sie sich seit 2008 der Aufarbeitung und Vermittlung der Schöneweider Industriegeschichte. Sehenswert ist hier einiges, es mangelt nur an der Wahrnehmung der einstigen Elektropolis Berlin als eigenständige historische Marke, vergleichbar mit den Bauten der NS-Zeit, oder der Berliner Mauer.

Die Elektrifizierung der Stadt

Elektropolis ist das Schlagwort für die Elektrifizierung der Stadt, die maßgeblich von Firmen wie Siemens und AEG vorangetrieben wurde. In Oberschöneweide wuchs bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts ein geschlossener Industriekomplex heran, der von Batterien bis Elektronenröhren, von Automobil- bis Fernsehtechnik ein riesiges Spektrum von stromgetriebenen Apparaturen erzeugte.

Kern war das 1897 eröffnete und immer wieder erweiterte Kabelwerk Oberspree, das auch in der DDR weitergeführt wurde und Qualitätsprodukte ins nichtsozialistische Ausland exportierte. In den KWO-Hallen arbeiteten 9000 Menschen, hier wurden die Starkstromkabel für die ersten Überlandleitungen in Deutschland hergestellt.

Große Schlote und mehrstöckige Produktionsgebäude

Diese Leitungen wurden mit ölgetränktem Spezialpapier isoliert. Solche kilometerlangen Ölkabel mussten auf großen Kabelrollen aufgerollt und dann mit Eisenbahn, Lkw oder Schiff an ihren Einsatzort transportiert werden. Die KWO bestückte rund 220 Kabeltrommeln. Am Tag. In einer dieser XXL-Rollen wie jener vor dem Industriesalon flohen vier DDR-Bürger in den Westen.

In einige Hallen der KWO ist die Hochschule für Technik und Wirtschaft eingezogen, in anderen wird noch weiter produziert, heute vor allem Glasfaserkabel. Große Schlote und mehrstöckige Produktionsgebäude erinnern an die großen Tage der AEG. Vielen Hallen stehen weiterhin leer und vermodern langsam.

Viel Engagement ist gefragt

Darunter ein Monument der Industriegeschichte, das erste Drehstromkraftwerk der Welt. Das mit Kartuschen an den Außenpfeilern verzierte Gebäude von 1897 zeigt schon starken Bewuchs auf dem Sims. Die zugehörigen Schlote sind einsturzgefährdet. Daran kann auch die Saubere Sache nichts ändern, aber mit jeder Verschönerungs- und Aufräumaktion steigt die Aufmerksamkeit für diese bedrohten Denkmäler.

Berlins Landeskonservator Jörg Haspel möchte das steinerne Industrieerbe von Siemens, AEG und Borsig auf die Liste des Weltkulturerbes setzen lassen, doch dieses Projekt braucht noch etwas Zeit. Bis dahin ist viel privates Engagement gefragt, um die Elektropolis der Berliner Industriepioniere Werner von Siemens und Emil Rathenau wieder zum Leuchten zu bringen.

Der „Industriesalon Schöneweide“, Reinbeckstraße 9, 12459 Berlin, freut sich über Helferinnen und Helfer am 18. und 19.9., jeweils von 14–17 Uhr. Kontakt: Ralf Kowal 53 00 70 42, E-Mail: info@industriesalon.de, www.industriesalon.de

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