Saubere Sache in Charlottenburg-Wilmersdorf : Mehr tun fürs Meer

Aus Kosmetika und Zahnpasta gelangen kleine Plastikpartikel in die Havel - zusätzlich zum Müll der Badegäste. Der Verein "Project Blue Sea" und das Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin wollen das Havelufer gemeinsam säubern, denn der Meeresschutz beginnt "auf dem platten Land".

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Angelika Heckhausen vom Projekt "Blue Sea" befreit die Havel von Plastik und anderem Müll.
Angelika Heckhausen vom Projekt "Blue Sea" befreit die Havel von Plastik und anderem Müll.Foto: Thilo Rückeis

Es ist idyllisch am Havelufer am Rande des Grunewalds. Ein kleiner Weg, umgeben von Bäumen, führt vom Parkplatz Am Schildhorn vorbei an einem Hotel und Restaurant direkt zur Havel. Dort bietet sich ein malerisches Bild: wild wucherndes Schilf, durch das sich vorbeifahrende kleine, weiße Schiffe betrachten lassen. Traumhaft. Wären da nicht der kaputte, verblasste rote Plastikstuhl, die Überreste eines Grillabends und die vergilbten Plastiktüten, die die Meeresaktivistin Angelika Heckhausen sofort entdeckt hat. „Seitdem ich mich mit dem Thema Meeresschutz auseinandersetze, habe ich einfach einen Blick dafür bekommen“, sagt die Wahlberlinerin, während sie mit einer Zange den Müll in einem selbst mitgebrachten Eimer aufsammelt. Mülleimer sucht sie hier vergebens.

Plastikpartikel gelangen in die Havel

Meeresaktivistin und Havelschützerin wurde die 59-Jährige vor fünf Jahren, als sie bei einem ihrer Winterurlaube auf Fuerteventura am Strand über angespülten Müll stolperte: „Dort ist Plastikmüll im Meer ein Riesenthema. Ich wollte unbedingt etwas dagegen tun.“ Daraus entstand der intensive Kontakt zum Projekt Blue Sea, einem Verein, der sich auf Meeresschutz und Hilfe für von der Ölpest betroffene Seevögel spezialisiert hat.

In Berlin ist Heckhausen für den gemeinnützigen Verein für den Bereich Meeresmüll, vor allem Mikroplastik im Meer, zuständig. Das von ihr über Jahre gesammelte Mikroplastik bewahrt sie zur Anschauung in kleinen Alu-Döschen auf. Die zwischen 0,3 und 5 Millimeter großen Partikel ähneln kleinen, unförmigen Bonbons. Zu finden sind die Mikropartikel oft in Kosmetika, in Dusch- und Gesichtspeelings oder Zahnpasta. „Über das Abwasser gelangen die Partikel in die Kläranlagen, wo sie größtenteils nicht herausgefiltert werden können.“

Laut dem Umweltbundesamt befinden sich bereits zwischen 100 und 142 Millionen Tonnen Müll im Meer. Je 15 Prozent der Abfälle finden sich am Ufer und an der Wasseroberfläche, 70 Prozent der Abfälle sinken allerdings auf den Meeresboden ab. Deswegen ist für Heckhausen wichtig, dass Meeresschutz nicht erst im Meer anfängt, sondern „auf dem platten Land“. Über die Flüsse gelangt der Müll, der immer von Menschen gemacht sei, in die Weltmeere. „Ist der Müll erst mal im Wasser, ist es schon zu spät“, sagt Heckhausen.

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Geschafft. Christine Thumm (links), Gründerin der Initiative "Serve the city", freut sich mit einer Freiwilligen über den gesammelten Müll. Wie tausende andere Freiwillige haben die beiden Frauen für unsere Aktion "Saubere Sache" selbst angepackt. An mehr als 180 Orten in der gesamten Stadt haben Bürgerinnen und Bürger die Stadt geputzt und verschönert. Wir waren fast überall dabei und haben für Sie fotografiert. Einen Überblick über alle Aktionen finden Sie hier.Weitere Bilder anzeigen
1 von 222Foto: Bettina Malter
15.09.2013 12:32Geschafft. Christine Thumm (links), Gründerin der Initiative "Serve the city", freut sich mit einer Freiwilligen über den...

Vogelnester entstehen aus Verpackungen und Zigarettenfiltern

Der Verein Project Blue Sea unterstützt sie gemeinsam mit dem Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin am Aktionstag des Tagesspiegels. Bereits im letzten Jahr war die Aktion mit 20 Helfern und 25 prall gefüllten Müllsäcken sehr erfolgreich. Auch dank der Unterstützung des Ökowerks, das viele Helfer akquiriert hätten. Antonius Gockel-Böhner, der sich am Telefon lachend als „Waldschrat“ des Ökowerks vorstellt, wird wieder mit Mitarbeitern, die dort ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr absolvieren, bei der Aktion dabei sein. Auch das Naturschutzzentrum stößt bei seiner Arbeit immer wieder auf den Plastikmüll. „Wir finden ihn beispielsweise in Fischen, die ihn mit Futter verwechseln“, sagt Gockel-Böhner. „Außerdem wird Plastik für den Horstbau der Raben genutzt, der später von Baumfalken als Brutstätte genutzt wird. Ein Falke hat sich einmal im Plastik verfangen und dadurch ein Bein verloren.“

Wattestäbchen, Verpackungsmaterial, Flaschen und Zigarettenfilter findet Angelika Heckhausen bei ihren Reinigungsaktionen am häufigsten. Am Aktionstag hofft sie nicht nur auf viele fleißige Helfer, sondern möchte vor allem auf das Thema Meeresmüll aufmerksam machen. „Mir ist wichtig, dass unsere Müllsammelaktion auch im Zusammenhang mit dem International Coastal Cleanup Day gesehen wird, an dem jedes Jahr zum weltweiten Küsten-Reinigungstag aufgerufen wird. 2013 haben sich daran über 648 000 Freiwillige in 92 Ländern beteiligt“, sagt die studierte Physikingenieurin, die jetzt als freischaffende Künstlerin arbeitet.

In ihrem am Pichelssee gelegenen Atelier verarbeitet sie die von ihr gefundenen Abfälle zu Kunstwerken: ein appetitlich aussehender Fischteller mit einer Zitrone und etwas Salat, bei dem der Betrachter meist erst auf den zweiten Blick sieht, dass das Werk aus Plastikmüll gemacht wurde. In der Kulturkirche St. Jakobi in Stralsund wird gerade ein aus Schnüren, Seilen und Netzresten gewebter Wandteppich ausgestellt, die sie an den Stränden von El Cotillo auf Fuerteventura gesammelt hat. Derzeit schreibt die Künstlerin an einem Kinderbuch, das im Rahmen eines Bildungsprojektes im kommenden Jahr erscheinen soll und den Weg des Mülls ins Meer erklärt. Ihr Verein Project Blue Sea wird dabei vom Umweltbundesamt unterstützt.

Am Sonnabend, dem 13. September, beginnt die Müllsammelaktion um 11 Uhr am Parkplatz Große Steinlanke an der Havelchaussee. Helfer sind herzlich willkommen. Infos: www.angelika-heckhausen.de

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