Saubere Sache in Mitte : Das alternative Klassenzimmer

Auf dem Bauernhof in Wedding haben die Kinder das Sagen. Verantwortung tragen hilft im Alltag – ein Putztag gehört mit dazu. Am morgigen Tagesspiegel-Aktionstag "Saubere Sache" können Sie sich an vielen Orten in der ganzen Stadt beim Saubermachen beteiligen.

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Am 15. September veranstaltet die Weddinger Kinderfarm einen großen Putztag. Kinder, Mitarbeiter und freiwillige Helfer holen den Abfall aus den Sandflächen und pflegen die Blumenbeete. Ab 12 Uhr geht es los in der Luxemburger Str. 25. Kontakt können Sie zu den Initiatoren dieser Veranstaltung über einen Klick auf die Karte oben aufnehmen. Sie wollen sich an der Aktion beteiligen, aber an anderer Stelle aktiv werden? Hier können Sie Ihre eigene "Saubere Sache"-Aktion anmelden und mit dem Tagesspiegel in Kontakt treten.

Guck mal, wer da wiehert. Die Ponys im Stall des Kinderbauernhofs in Wedding sind nicht nur zum Füttern und Streicheln da. Kinder übernehmen dort die Pflege der Tiere. Projektleiter Siegfried Kühbauer hilft dabei. Die 12-jährige Alina (links) etwa kommt mehrmals die Woche auf die Farm. „Da ist man raus aus dem Alltag“, sagt sie.
Guck mal, wer da wiehert. Die Ponys im Stall des Kinderbauernhofs in Wedding sind nicht nur zum Füttern und Streicheln da. Kinder...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wenn Kinder Demokratie ausüben, heißt am Ende ein Nagetier auch mal „Pflaumenbambi“. Die Namen der 16 Meerschweinchen in den Ställen haben die Kinder in einer Versammlung selbst bestimmt. Im Stall mümmeln jetzt auch vernünftigere Ergebnisse wie Winnetou, Latti, Blume und Mr. Burns vor sich hin.

Wie es zu „Pflaumenbambi“ kam, weiß auch Siegfried Kühbauer nicht; er ist Projektkoordinator der Weddinger Kinderfarm. „Wahrscheinlich wollten die Kinder damit jemanden ärgern“, vermutet der 63-Jährige und lächelt schelmisch wie ein kleiner Junge. Siggi heißt er bei allen Besuchern und Mitarbeitern der Kinderfarm, und Kinderdemokratie hält Siggi für unverzichtbar.

Der fast 30 Jahre alte Kinderbauernhof in Wedding, gleich neben dem Abenteuerspielplatz Telux, wird vom Bezirksamt Mitte und durch Spenden finanziert. Hier dürfen Kinder mitbestimmen, und vor allem schmeißen sie den Laden. Als Tierpfleger sind sie für Ziegen, Schafe, Pferde, Enten, Hühner und Meerschweinchen verantwortlich. Nur montags ist die Farm für alle Besucher geschlossen – auch Tiere brauchen mal einen Ruhetag.

Der Geruch von Heu und Pferdemist mitten in der Großstadt bedeutet normalerweise: Hier ist ein Kinderbauernhof in der Nähe. Und weil Tiere sich nicht mit Worten verständigen, lernen Kinder dort, Bewegungen und Laute zu deuten und sich so auf das Tier einzulassen – sie üben emotionale Intelligenz. Und durch die verantwortungsvollen Aufgaben, die die Kinder als Tierpfleger übernehmen, werden sie selbstsicherer. „Wenn Kinder ängstlich sind und Kommunikationsprobleme haben und dann durch diese Schule gehen, sind sie hinterher wie ausgewechselt“, sagt Siegfried Kühbauer. „Das etwas andere Klassenzimmer“ nennt er die Kinderfarm. Hier werden auch Jugendliche beschäftigt, für die ein Gericht Freizeitarbeit angeordnet hat. Die Erfahrung zeige, sagt Kühbauer, die Jugendlichen seien nach ein paar Tagen Eingewöhnung überdurchschnittlich motiviert für die Arbeit.

Alina, 12, und Felix, 9, haben gerade eben die Trinkflaschen für die Meerschweinchen ausgewaschen, neu gefüllt und befestigen sie jetzt wieder am Stallgitter. Sie nehmen den wuscheligen Nager Latti heraus und knuddeln ihn. „Mir gefällt, dass man hier raus aus dem Alltag ist“, sagt Alina. Sie wohnt in Mitte und kommt etwa viermal pro Woche auf den Kinderbauernhof – je nachdem, wie viel Hausaufgaben sie hat.

Vorhin war sie noch mit Training beschäftigt. Sie brachte eine dickbäuchige, kurzbeinige Ziege dazu, Slalom zu laufen, auf zwei Beinen zu gehen und auf einen Eimer zu springen. „Das bringt den Ziegen Abwechslung“, sagt Alina. Als Pferdepflegerin hat sie heute gelernt, dass Pony Resi mehr auf die Stimme achtet als auf das Schnalzen mit der Zunge.

Die ganz Kleinen, die noch zu jung zum Helfen sind, ziehen Plastikschiffe durch den Sand und buddeln Gruben. Jemand trägt ein blökendes Schaf vorbei, ein anderer schiebt einen Schubkarren voller Äpfel in den Stall, zwei Mädchen transportieren Mist auf den großen Haufen am Eingang. Siggi steht mittendrin im Trubel. Er kam vor 25 Jahren als Sozialpädagoge zur Kinderfarm. Ursprünglich wollte er sich nach einem Jahr wieder der Wissenschaft widmen, doch er blieb.

Das Gelände gehört dem Land Berlin, und schon im ersten Jahr von Kühbauers Mitarbeit gab es Streit über die Zukunft des Areals. „Es wurde zu meiner persönlichen Aufgabe, die Kinderfarm zu erhalten. Man kann sie den Kindern doch nicht einfach wegnehmen – gerade in Wedding.“ Für die Kinderfarm möchte er sich noch, so lange er irgend kann, einsetzen. Er sagt: „Ich werde jeden Tag dafür belohnt.“

Am 15. September veranstaltet die Weddinger Kinderfarm einen großen Putztag. Kinder, Mitarbeiter und freiwillige Helfer holen den Abfall aus den Sandflächen und pflegen die Blumenbeete. Ab 12 Uhr geht es los in der Luxemburger Str. 25. Kontakt können Sie zu den Initiatoren dieser Veranstaltung über einen Klick auf die Karte oben aufnehmen. Sie wollen sich an der Aktion beteiligen, aber an anderer Stelle aktiv werden? Hier können Sie Ihre eigene "Saubere Sache"-Aktion anmelden und mit dem Tagesspiegel in Kontakt treten.

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