Saubere Sache in Mitte : Der Mann mit dem grünen Daumen

Monika und Winfried Lauter haben in Wedding auf dem Trottoir einen öffentlichen Garten angelegt – sie hat der Dreck gestört. Doch immer wieder werden Pflanzen geklaut. Die Lauters nehmen das mit Humor, denn ihr „kleinster Biergarten Berlins“ ist für alle da.

Bettina Malter

Am Aktionstag 15. September, laden Monika und Winfried Lauter ein, ab 11 Uhr ein weiteres Beet aufzuhübschen: Unkraut jäten, Müll beseitigen und Pflanzen setzen. Helfer sind herzlich willkommen - klicken Sie einfach auf die Karte. Sie wollen mitmachen, aber an anderer Stelle aktiv werden? Hier können Sie Ihre eigene "Saubere Sache"-Aktion anmelden und mit dem Tagesspiegel in Kontakt treten.

Grüner Daumen. An der vierspurigen Seestraße hat Winfried Lauter einen Blickfang geschaffen. Er hofft nun für den 15. September auf Nachahmer.
Grüner Daumen. An der vierspurigen Seestraße hat Winfried Lauter einen Blickfang geschaffen. Er hofft nun für den 15. September...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am Anfang hielten ihn die Nachbarn für einen Spinner, als Winfried Lauter vor acht Jahren anfing, das öffentliche Beet vor dem fünfstöckigen Altbau zu bepflanzen. Heute nennen sie den 54-Jährigen nur noch den Mann mit dem grünen Daumen und sind stolz auf den Blickfang vor ihrer Haustür. Fast jeder Tourist, der in den Ferienwohnungen an der Seestraße unterkommt, bleibt stehen und fotografiert das bunte Paradies.

Weiter entlang der vierspurigen Straße sieht jeder Passant an den vielen anderen von Steinen umgrenzten Erdflächen, wie es in Lauters Beet früher ausgesehen haben muss. Hüfthohes Unkraut, dazwischen mal ein alter Kühlschrank, in regelmäßigen Abständen Fernsehgeräte. „Uns hat der Dreck gestört“, sagt Lauter, der direkt aus seinem Wohnzimmer auf sein Beet schauen kann. Also rief seine Frau Monika beim Grünflächenamt an und erzählte von ihrem Plan. Beide rechneten mit einem Kampf gegen die Bürokratie – aber es kam anders. Einzige Auflage: Keine Nutzpflanzen wie Salate und Obstbäume. Mehr Auflagen gab es nicht. Seitdem gräbt Lauter in den 32 Quadratmetern vor seiner Haustür herum. Er wuchs in Unterfranken bei seinen Großeltern auf dem Land auf. „Schon als Kind habe ich im Garten umhergewurschtelt“, sagt Lauter. Vor 20 Jahren ist der gelernte Tischler in Berlin gelandet, seinen unterfränkischen Dialekt hat er nicht abgelegt.

Lauters gemietete Erdgeschosswohnung in der Seestraße war früher eine Gaststätte, danach eine Galerie. „Arts & more“ steht noch in großer Schrift über seinen Wohnzimmerfenstern. Heute dient die Tür vor allem dazu, dass Lauter direkt aus seinem Wohnzimmer vor seine kleine Anti-Stress-Oase treten kann. So nennt der Frührentner selbst seinen Garten. In jedem Frühjahr fährt er neuen Humus auf, es werden Pflanzen gesetzt, die alten gehegt und gepflegt. Im Sommer sitzt er oft mit seiner Frau unterm Sonnenschirm auf dem Bürgersteig und genießt den „kleinsten Biergarten Berlins“, wie ein Tourist aus den Niederlanden es einmal nannte. Die Lauters mögen diese Bezeichnung. Sie gehen selten in Weddings Kneipen. Warum sollten sie auch? „Wir haben einen besseren Blick als in jeder Kneipe hier im Umkreis“, sagt Lauter.

Ganz stressfrei ist seine Oase aber nicht. Immer wieder werden Pflanzen geklaut. In diesem Jahr war erst ein Rhododendron weg, dann der Flieder. Vor zwei Wochen riss jemand eine Haselnuss raus, vier Jahre war sie in Lauters Obhut. Wie eine öffentliche Vermisstenanzeige hat er das flache Loch an der Stelle, an der sie stand, noch gelassen. „Dumm ist, dass man sich ärgert“, sagt Lauter. Doch das Paar versucht es mit Humor zu nehmen, anders könne man damit auch nicht umgehen, findet Monika. „Wir freuen uns, dass unsere Blumen Ihnen so gut gefallen“, schrieben sie für den Dieb. Für eine Pflegeanleitung brauche er nur zu klopfen. Aber niemand klopfte an ihre Scheibe.

Ab und an denkt Lauter daran, den Garten aufzugeben. Schluss mit dem Ärger über gestohlene Pflanzen, pinkelnde Hunde und Müll, der noch immer in seinem Beet landet. Als der Stock-Flieder verschwand, war er kurz davor aufzugeben. Aber dann gibt es die Momente, in denen Kindergartengruppen stehen bleiben und die Vögel beobachten, Nachbarn seinen Garten bewundern und ihm manchmal Pflanzen schenken. Das wiegt alles wieder auf. „Es ist schon eine persönliche Sache mit dem Garten“, sagt Lauter. „Aber wenn wir eine Pflanze setzen, dann gehört sie allen.“

Am Aktionstag 15. September, laden Monika und Winfried Lauter ein, ab 11 Uhr ein weiteres Beet aufzuhübschen: Unkraut jäten, Müll beseitigen und Pflanzen setzen. Treffpunkt: Seestraße 110, mail: seestrassengruen@gmx.de. Helfer sind herzlich willkommen - klicken Sie einfach auf die Karte. Sie wollen mitmachen, aber an anderer Stelle aktiv werden? Hier können Sie Ihre eigene "Saubere Sache"-Aktion anmelden und mit dem Tagesspiegel in Kontakt treten.

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